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Rezension: Sachbuch : Blick zurück im Zorn - auf Microsoft und Bill Gates

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Ein Chefentwickler des mächtigen Software-Konzerns erzählt.

          Marlin Eller, Mitautor dieses Buches, hat von 1982 bis 1995 als Chefentwickler für graphische Elemente bei Microsoft gearbeitet. Er kennt die Anfänge des heutigen Konzerns, "als die Leute noch unter ihren Schreibtischen schliefen, wenn wichtige Termine einzuhalten waren". Obgleich er viele interessante Einblicke in das Innenleben von Microsoft gibt, schmeckt sein Buchbeitrag immer wieder nach der endgültigen Abrechnung eines Unzufriedenen und Enttäuschten. Marlin Eller räumt gründlich mit dem Mythos von Microsoft als "unfehlbarer Technologie-Company" auf. Das gleiche gilt für Bill Gates' Image als "Whizz-Kid", das immer die Nase im Wind hat, alle wichtigen neuen Entwicklungen früher als andere wittert - und auch in marktgerechte Produkte umzusetzen weiß. Im Gegenteil, Eller bestätigt, was manche Fachleute schon lange argwöhnen - einschließlich der Untersuchungsbeamten des Justizministeriums und der Anti-Trust-Behörde: Bei Microsoft wird auch nur mit Wasser gekocht. Viele zunächst vielversprechende Entwicklungsansätze blieben im Machtgerangel der einzelnen Projektgruppen auf der Strecke, und manches andere, das Wettbewerber ankündigten oder gar als fertiges Produkt auf den Markt bringen wollten, werde - mit kleinen, feinen Veränderungen - nachgebaut. Von einem bestimmten Zeitpunkt an könne es sich der Konzern sogar leisten, Produkte, die weniger funktionell seien als die von Wettbewerbern oder gar nur als "Gedankenspielerei" ("Vaporware") existierten, mit dem Machtpotential des Marktführers zu präsentieren und die Konkurrenz damit auszuschalten.

          Ein Lehrbeispiel dafür, wie Microsoft reagiert, wenn eine Neuentwicklung sein Betriebssystem-Imperium anzukratzen droht, ist das Kapitel, das sich auf den Aufstieg und den Fall der GO Corporation bezieht. Jerry Kaplan und sein Partner Robert Carr hatten ein System zur Umsetzung von Handschrift in digitale Impulse entwickelt, das Tastaturen und Windows-typische Hilfsmittel wie Computermäuse überflüssig macht. Kaplan und Carr hatten das System im Januar 1991 in Boston vorgestellt. Microsoft konnte kein ähnliches System bieten, weil man zwar darüber nachgedacht, aber nicht allzu ernsthaft in die Entwicklung investiert hatte. Aber es gebe - wie Eller berichtet - auch noch andere Methoden. Ein Microsoft-Mitarbeiter beobachtet mit einer Videokamera in der Hand die GO-Demonstration und kann schon einen Tag später in Redmond präsentieren, inwieweit das GO-System die eigenen Gedanken- und Praxisspiele in den Schatten stellen würde. Gates sah das GO-Pen-System als Bedrohung des Beinahe-Monopols von Microsoft bei PC-Betriebssystemen an - Grund genug für Eller und seine Kollegen, sich eine Gegenstrategie auszudenken. Sechs Wochen später wurde in Redmond das "Pen Windows"-System vorgestellt, das GO übertreffen sollte. Das Publikum zeigte sich von den Demonstrationen überzeugt - es wußte allerdings nicht, daß im Hintergrund der Bildschirm-Aktion eine wenig modifizierte alte Anwendung des Windows-Betriebssystems lief. Der Vordergrund war nichts als Show. Ein Jahr später versuchte Eller, "Pen Windows" japanischen Konzernen wie NEC und Toshiba zu verkaufen, weil es damit möglich würde, Kanji-Schriftzeichen computerfähig zu machen. Die Japaner waren interessiert, aber nicht bereit, sich festzulegen. Und obgleich Microsoft einige Lizenzen für "Pen Windows" verkaufen konnte, war das Projekt wirtschaftlich kein Erfolg - wenn man davon absieht, daß GO Inc. damit in den Zusammenbruch getrieben wurde.

          Eller bekam das zu spüren. Die von ihm erhoffte Beförderung in der Microsoft-Hierarchie fiel aus. Weitere Frustrationen folgten. Schließlich stieg er 1995 aus.

          Sein Buch, an dem Jennifer Edstrom, die Tochter der langjährigen PR-Chefin von Microsoft, Pamela Edstrom (Spitzname "Gates' Keeper"), mitgeschrieben hat, ist dennoch lesenswert. Und sei es nur, weil er beschreibt, wie nah der Software-Konzern daran gewesen ist, seinen heutigen Haupteinnahmebringer, das PC-Betriebssystem "Windows", in den Ansätzen sterben zu lassen, wie der Internet-Boom 1995 beinahe verschlafen worden wäre oder wie Bill Gates trotz der Bemühungen, sein Image von "Billy, the Computer-Kid" in das eines seriösen Geschäftsmanns mit technologischer Weitsicht und volkswirtschaftlichem Durchblick umzuformen, mit unklaren Signalen und Betriebsblindheit immer wieder die Zukunft des Unternehmens in Frage stellt.

          INGRID HIELLE

          Jennifer Edstrom/Marlin Eller: Barbarians led by Bill Gates. Microsoft from the Inside: How the world's richest Corporation wields its Power. Verlag Henry
          and Company, New York 1998, 256 Seiten, 23 Dollar

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