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Rezension: Sachbuch : Analysen und politische Ratschläge

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Freiburger Ökonomen zeigen Auswege aus der Arbeitslosigkeit

          Bernhard Külp (Herausgeber): Arbeitsmarkt und Arbeitslosigkeit. Rudolf Haufe Verlag, Freiburg 1996, 358 Seiten, 128 DM.

          Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist zur großen Herausforderung dieses Jahrzehnts geworden. Doch ungeachtet der Kampfansage der Politik, trotz Aktionsprogrammen, Kanzlerrunden und Beschäftigungsbündnissen wächst das Heer der Erwerbslosen. In diesem Winter steuert die Arbeitslosigkeit auf den höchsten Wert in der Geschichte der Bundesrepublik zu. Die Fragen nach den Gründen und nach Auswegen aus der Krise sind wichtiger denn je. Die Ökonomen haben ihre Bringschuld längst erfüllt, wie die Fülle der wissenschaftlichen Analysen zum Thema Arbeitslosigkeit zeigt.

          Auch das von Bernhard Külp (Freiburg) herausgegebene Buch gibt Antworten auf die meisten Fragen, die in der aktuellen Debatte gestellt werden: Wie läßt sich die von Rezession zu Rezession steigende Sockelarbeitslosigkeit erklären? Welche Bedeutung hat der Zentralisierungsgrad der Tarifverhandlungen für die Beschäftigung? An welcher Richtgröße muß sich die Lohnpolitik orientieren? Welche Risiken birgt die Globalisierung; welche Rolle spielt die Sozialpolitik im Standortwettbewerb? Selbst für eine dogmengeschichtliche Auseinandersetzung mit dem historischen Sinn der Arbeit - lästiger Broterwerb bei Adam Smith oder Berufung und Selbstzweck bei Max Weber - ist in dem umfassenden Buch Raum.

          Manche herkömmliche Erklärung hält dabei der Analyse der Ökonomen nicht stand. Werner Dichmann verwirft zum Beispiel die Hypothese, daß sich die Arbeitslosigkeit im Lauf der Zeit verfestigt (Hysterese). Zwar entwerte die Arbeitslosigkeit das Humankapital; doch müsse nur der Reallohn im gleichen Maße sinken, dann blieben die Markteintrittschancen der Betroffenen gewahrt. Wenn sich die Erwerbslosigkeit dennoch verhärte, sei das auf falsche institutionelle Arrangements zurückzuführen - zum Beispiel auf die hohe Marktmacht der Insider in den Tarifverhandlungen. Dichmanns Folgerung, aus dem Beispiel der Vereinigten Staaten abgeleitet, ist unbequem für eine Gesellschaft, die die Besitzstandswahrung zu ihrem Programm gemacht hat: Wer mehr einfache Arbeitsplätze schaffen will, muß die Löhne stärker nach den Qualifikationen differenzieren sowie das Niveau der sozialen Sicherung und der arbeitsrechtlichen Schutzvorschriften abbauen.

          Für institutionelle Änderungen plädiert auch Bernhard Külp. Er widerspricht der These, daß stark zentralisierte Tarifverhandlungen die Flexibilität der Löhne erhöhten und damit die Anpassungsprozesse auf dem Arbeitsmarkt erleichterten. Das vielzitierte Musterland Schweden habe sich jedenfalls in den achtziger Jahren nur deshalb einer so geringen Arbeitslosenquote erfreut, weil es nicht in das Europäische Währungssystem eingebunden gewesen sei; überhöhte Nominallohnsteigerungen habe es durch Preisüberwälzungen und anschließende Abwertungen ausgeglichen. Külp spricht sich für eine größere Dezentralisierung der Tarifverhandlungen aus. Das könnte wie in den Vereinigten Staaten zu günstigeren Arbeitsmarktbedingungen führen und die Langzeitarbeitslosigkeit verringern.

          Richtschnur in den Tarifverhandlungen muß nach Meinung von Jürgen Jerger das Wachstum der nominalen Gesamtnachfrage sein - und nicht der Anstieg der Produktivität oder der Kosten. Stiegen die Nominallöhne schwächer als das Sozialprodukt, nehme die Beschäftigung zu (und umgekehrt). Dieser Zusammenhang gilt, wie Jerger zeigt, unabhängig von der Nachfragewirksamkeit der Lohnsumme. Das Kaufkraftargument verfange daher nicht, meint der Autor. Allerdings stellen sich die Beschäftigungswirkungen der von ihm vorgeschlagenen Politik erst nach ein bis zwei Jahren ein - was die Akzeptanz durch die Gewerkschaften erheblich erschweren dürfte. Wie Jerger beschränken sich die meisten Autoren nicht auf die reine wissenschaftliche Analyse, sondern sie geben auch klare politische Handlungsanweisungen. Das erhöht den Nutzwert für den Leser. Schade ist nur, daß guter Rat so teuer ist. NICO FICKINGER

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