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Rezension : Auf den Anreiz kommt es an

  • -Aktualisiert am

Bild: Deutsche V.-A.

Horst Siebert beschäftigt sich in dem Buch „Der Kobra-Effekt“ mit dem richtigen sozialwirtschaftlichen Anreiz.

          Zu Kolonialzeiten stellte die britische Regierung fest, dass es in ihrer Kronkolonie Indien zu viele Kobras gibt. Als Reaktion darauf führte sie eine Kopfprämie für getötete Kobras ein. Einzig vernünftige Reaktion auf diesen Anreiz: die indische Bevölkerung züchtete die Giftschlange, um an das Geld zu kommen. Diesem „Kobra-Effekt“ spürt Horst Siebert im Dickicht des deutschen Sozialstaates nach. Sein Kompass ist eine Wirtschaftspolitik, die Bürgern Anreize gibt, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen und nicht auf die allumfassende Fürsorge des Staates baut.

          Der Kobra-Effekt lauert in jedem Winkel des Sozialstaates. Etwa in der vielfach beklagten mangelnden Bereitschaft von Sozialhilfeempfängern, eine gering bezahlte Arbeit anzunehmen. Siebert zeigt, dass die von Politikern angezettelte „Faulenzerdebatte“ hier nicht weiterbringt. Sie verdecken damit die Fehler eines Systems, das ihre Vorgänger in den fetten Jahren geschaffen haben. Wird einfache Arbeit nur unwesentlich über dem Sozialhilfesatz bezahlt, ist es nur vernünftig von Sozialhilfeempfängern, ihre Arbeitskraft nicht auf dem Markt anzubieten. Siebert listet die Schwachstellen des Sozialsystems auf. Der Schutz vor Risiken hat aus den Bundesbürgern „Koprazüchter“ gemacht. Gemäß den falschen Anreizen haben sie die Verantwortung an den Staat abgegeben. Siebert geht dabei nicht so weit, den Gedanken der sozialen Sicherung über Bord zu werfen. Doch er zeigt auf, wo seiner Meinung nach das System aus dem Ruder gelaufen ist. Lasten und Risiken will er neu verteilen. Risikominimierung als oberste Maxime hält er für innovationsfeindlich.

          Er verfällt dabei in seiner Argumentation nicht in die beliebte Modernisierungspolemik, nach der „der deutsche Michel“ unfähig ist, sich anzupassen. Er ordnet historisch ein. In den siebziger Jahren bauten Politiker den Sozialstaat und seine Wohltaten für alle aus, ohne sich über die Folgekosten Gedanken zu machen. Heute leiden alle unter den Kosten für die Sozialkassen. Und es findet sich kein Politiker, der sich traut, die strukturellen Einschnitte vorzunehmen, weil die nächste Wahl näher ist als der Erfolg einer langfristigen Kehrtwende.

          Diese ist aber nach Siebert nötig, will die deutsche Volkswirtschaft nicht weiter zurückfallen. Deutschland übernimmt mit seinen Produkten auf den Weltmärkten nicht mehr die unangefochtene Spitzenposition ein. Deutlich fällt Sieberts Warnung aus: Volkswirtschaften können absteigen, wie das Beispiel Argentinien zeigt. Anhand des Materials des Kieler Institutes für Weltwirtschaft, dessen Präsident Siebert ist, zeigt er, dass die deutsche Industrie an Terrain verliert. Sie hat sich auf Produkte des oberen Segments der mittleren Technologie spezialisiert: Autos, Maschinen, Anlagen, chemische Produkte. Sie haben noch gute Absatzchancen. Doch es ist nicht sicher, dass dies dauerhaft so bleibt. Gerade im mittleren Technologiebereich holen Schwellenländer auf. Anders als bei den kapitalintensiveren High-Tech-Produkten können sie bei relativ arbeitsintensiven Produkten des Maschinenbaus ihre Lohnvorteile voll ausspielen.

          Neu sind Sieberts Gedankengänge nicht. Unter dem Stichwort „Standortdebatte“ werden sie seit Anfang der neunziger Jahre diskutiert. Lesenswert ist sein jüngstes Buch weniger für Experten als für interessierte Laien, die sich einen Überblick über die Debatte verschaffen wollen. Für sie bietet Siebert einen Abriss der gängigen Irrtümer der Wirtschaftspolitik. In seinen Lösungsansätzen folgt er der Logik des Kobra-Effekts: Weniger Anreize bieten, sich auf andere zu verlassen.

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