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Rezension : Abrechnung mit dem IWF

  • -Aktualisiert am

Bild: Siedler Verlag

Neues Sachbuch: Joseph Stiglitz, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, rechnet mit dem Internationalen Währungsfonds ab.

          Vielleicht werden künftige Wirtschaftshistoriker die Abschaffung der Kapitalverkehrskontrollen für die wichtigste Entwicklung des zwanzigsten Jahrhunderts halten. Erst nachdem das Kapital sich frei zwischen den Volkswirtschaften bewegen konnte, kam die moderne Globalisierung in Gang. Investoren waren nicht mehr darauf beschränkt, in einem bestimmten Land ihr Geld anzulegen, sondern konnten in Sekundenschnelle reagieren und gewaltige Beträge aus einem Land abziehen und irgendwo anders auf dem Globus anlegen. Währungen, Staaten, Konzerne waren der Volatilität des Kapitalmarktes ausgesetzt.

          Darin unterscheidet sich die Globalisierung heute von jener der früheren Jahrhunderte. Eine globale Wirtschaft gab es immer, Griechen, Mazedonier, Römer, Chinesen, später Spanier, Portugiesen, natürlich die Engländer haben untereinander und mit anderen Völkern Handel getrieben. Die Weltreiche der Vergangenheit waren immer auch Handelsreiche, wobei das Handelsgut nicht nur Edelmetall und Luxusgüter, sondern manchmal auch Menschen waren. Das rasend schnell vagabundierende Kapital, das Währungen und ganze Volkswirtschaften zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zusammenbrechen lassen kann, ist jedoch eine neue Qualität der Globalisierung.

          Berater im Kabinett Clinton

          Der Erfolg des Buches „Die Schatten der Globalisierung“ von Joseph Stiglitz ist ein Zeichen für das Unbehagen, das diese Entwicklung bei vielen Menschen auslöst. Dabei gehört der Nobelpreisträger für Wirtschaft nicht zu den Barrikadenstürmern der Weltwirtschaft. Während zum Beispiel die Literaturkritikerin Viviane Forrester, deren Beststeller „Der Terror der Ökonomie“ zur Gute-Nacht-Lektüre der Salon-Globalisierungsgegner gehört, von keinerlei ökonomischer Fachkenntnis getrübt ist, zählt Stiglitz zu den führenden Wirtschaftswissenschaftlern der Welt. Er war Wirtschaftsberater im Kabinett von Bill Clinton und Chefökonom der Weltbank. 2001 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaft. Heute lehrt Stiglitz an der Columbia University in New York.

          Der Titel seines Buches ist wohl der allgemein globalisierungskritischen Stimmung geschuldet und der Hoffnung des Verlages, von ihr profitieren zu können. In der Tat jedoch bekennt sich Stiglitz zu den Vorteilen der Globalisierung; so erkennt er an, dass sie durch Konkurrenzdruck und Arbeitsteilung Wohlstandszuwächse schafft.

          Der IWF, für Stiglitz zu „undifferenziert“

          Der Autor konzentriert sich in seinem Buch auf eine Kritik am Internationalen Währungsfonds und dessen Vorgehen in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Der IWF, so Stiglitz, habe durch seinen undifferenzierten Glauben an die Wunderkräfte des Marktes die konjunkturellen Krisen der Schwellenländer verschärft und die dortigen Bürger verarmen lassen. An den Beispielen Russland und Ostasien belegt er, dass die vom IWF herbeigezwungene Freigabe des Kapitalverkehrs, eine überhastete Privatisierung und Marktöffnung die Volkswirtschaften tief ins Elend gestürzt haben.

          Die selbstsicheren „Washington Boys“ des IWF seien unsensibel, ohne Kenntnis der lokalen Verhältnisse und mit einem unerschütterlichen Glauben daran, dass der Markt alles ins Lot bringen werde, in den Staaten eingefallen und hätten die Regierungen erpresst, ihren Standardrezepten zu folgen, selbst als die Fakten bereits gegen sie sprachen. Das jüngste Beispiel für das Scheitern der blauäugigen Rezepte der Friedman-gläubigen Ökonomen ist der Zusammenbruch der argentinischen Volkswirtschaft. Länder wie China, die sich dem Diktat des Währungsfonds verweigerten, hingegen hätten Krisen besser und schneller überstanden. Das Bestreben des Autors, Freund und Feind klar zu definieren, trübt dabei gelegentlich das Urteil. So redet er die Korruption IWF-kritischer Diktaturen (etwa in Kenia) schön, diejenige IWF-gläubiger Regierungen schildert Stiglitz hingegen drastisch.

          Der Nobelpreisträger ist bekennender Neo-Keynesianer, er verteidigt demzufolge das Recht der Regierungen, regulierend in die Wirtschaft einzugreifen. In der Tat hatte Keynes bei der Gründung von IWF und Weltbank 1944 in Bretton Woods gehofft, diese Institutionen würden die Weltwirtschaft stabilisieren und den Wohlstand der Nationen mehren. Heute aber sind sie für die wohlhabenden Volkswirtschaften, nicht zuletzt für die amerikanische Regierung, Instrumente zur Durchsetzung eigener Interessen.

          Das weist Stiglitz in mehreren Fällen überzeugend nach. Der IWF mag argumentieren, dass auf lange Sicht die marktwirtschaftliche Schocktherapie am Ende eines Tals der Tränen Aufschwung und Wohlstand versprechen. Bis dahin aber leiden zahlreiche Menschen unter Arbeitslosigkeit, Verelendung und einer sich ausweitenden Vermögens- und Einkommensschere. Und auf lange Sicht, so formulierte schon John Maynard Keynes, sind wir alle tot.

          Scheinheilige Industrienationen

          Ausführlicher hätte man sich von Stiglitz jene Passagen gewünscht, die die Doppelzüngigkeit der westlichen Industriestaaten offenbaren. Während IWF und Weltbank die Entwicklungs- und Schwellenländer dazu drängen, ihre Märkte zu öffnen, beharren die entwickelten Volkswirtschaften gerade in jenen Marktbereichen auf Protektionismus, in denen die armen Länder konkurrenzfähig sind. Dass es mit dem freien Welthandel bei den größten Fürsprechern nicht so weit her ist, wenn eigene Interessen tangiert sind, zeigen die Schutzzölle, die die Regierung von George Bush auf Stahleinfuhren erhoben hat.

          In den Zeiten der rezessiven Krisen mischen sich Regierungen ohnehin wieder stärker in die Märkte ein (und sei es, wie bei den USA, durch ein gewaltiges Rüstungsprogramm, eine keynesianische Hintertür, die schon Ronald Reagan trotz aller monetaristischen Lippenbekenntnisse nutzte). Mag sein, dass der Bestseller-Erfolg des Buches von Joseph Stiglitz ein weiteres Anzeichen für den Niedergang des Glaubens an die Wunderversprechen der Chicago Boys ist und die Renaissance keynesianischer Wirtschaftspolitik ankündigt.

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