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Das Wissen um das dramatische Wachstum der Weltbevölkerung, die damit verbundene Entnahme von Ressourcen aus der Natur und der sich anbahnende Klimawandel hat Bernd Meyer zu der Frage geführt, wie die Wirtschaft diesen Herausforderungen begegnen kann. Von einem Verzicht auf gesamtwirtschaftliches Wachstum, ...

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          Das Wissen um das dramatische Wachstum der Weltbevölkerung, die damit verbundene Entnahme von Ressourcen aus der Natur und der sich anbahnende Klimawandel hat Bernd Meyer zu der Frage geführt, wie die Wirtschaft diesen Herausforderungen begegnen kann. Von einem Verzicht auf gesamtwirtschaftliches Wachstum, wie es bisweilen gefordert wird, hält der Autor gar nichts: "Das Wirtschaftswachstum in den Entwicklungs- und Schwellenländern ist angesichts der noch bestehenden dramatischen Armut in diesen Ländern höchst willkommen, bietet es doch die Hoffnung auf eine Besserung der katastrophalen sozialen Verhältnisse." Zudem konstatiert Meyer treffend, was Kapitalismuskritiker geflissentlich übersehen: "Die Alternative der Zentralverwaltungswissenschaften hat jedenfalls sowohl in ökonomischer als auch in ökologischer Hinsicht versagt."

          Der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Osnabrück, der zugleich als wissenschaftlicher Leiter der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) fungiert, sieht als "einzige realistische Option" die Steigerung der Rohstoffproduktivität, um so den Ressourcenverbrauch und das Wirtschaftswachstum zu entkoppeln. Umweltschutz klassischen Stils, der sich als nachsorgender Reparaturbetrieb verstand, sei weder zeitgemäß noch zukunftsorientiert, heißt es zu Recht. Meyer plädiert stattdessen für eine Innovationsstrategie, die auf einer Effizienz- und einer Suffizienzkomponente beruht.

          Mit der Effizienzstrategie meint er, dass ressourcenschonende Produktionsverfahren entwickelt und eingesetzt werden müssen. Diese Komponente setzt auf technischen Fortschritt, wobei die größte Wirkung zur Reduktion des Rohstoffverbrauchs bei den Grundstoffindustrien und den Investitionsgüterindustrien zu erzielen wäre. Unter Suffizienzstrategie versteht der Verfasser den Ersatz ressourcenintensiver durch weniger ressourcenintensive Güter. Sie zielt auf eine Änderung des Konsumverhaltens, etwa in Richtung mehr Umweltbewusstsein, ohne auf Wohlstand zu verzichten und den Gürtel enger zu schnallen.

          Nach Berechnungen des Autors werden wir im Jahr 2020 weltweit 50 Prozent mehr Rohstoffe verbrauchen als heute. Außerdem geht er von Schätzungen aus, wonach das Niveau der Kohlendioxid-Emissionen im Jahr 2020 um 50 Prozent über dem des Jahres 2002 liegen dürfte. Die Schuld dafür schieben Kritiker immer öfter der Marktwirtschaft in die Schuhe. Meyer vertritt die These, "dass die Umwelt geschädigt wird, weil zu wenig Marktwirtschaft und nicht etwa zu viel davon realisiert worden ist". Um die Natur zu schützen, schlägt er denn auch konsequenterweise den Einsatz marktwirtschaftlicher Instrumente vor wie den Handel mit Nutzungsrechten, hält jedoch die Ergänzung weiterer Maßnahmen, etwa der Ordnungspolitik, für geboten. Dabei stellt er resümierend fest: "Ein Umbau der Wirtschaft zur Steigerung der Ressourcenproduktivität wird nur möglich sein in einem dynamischen und innovativen wirtschaftlichen Umfeld, das sich wiederum nur einstellen wird, wenn ein sozialer Konsens herrscht und Wettbewerbsfähigkeit gegeben ist."

          Auf dem Arbeitsmarkt muss deshalb eine Mobilisierung der Erwerbstätigkeit erfolgen (vor allem die der Frauen), um die zu erwartende Nachfragelücke bei den Hochqualifizierten schließen zu können. Zudem sollen durch eine Bildungsoffensive die Begabungsreserven sozial schwacher Familien ausgeschöpft werden. Und wie ist es um die Niedrigqualifizierten bestellt? Die allgemeine Einführung eines Mindestlohns hält der Autor jedenfalls für den falschen Weg. "Wenn der Mindestlohnsatz höher ist als derjenige Lohn, der sich bei vollständig flexiblem Arbeitsmarkt ergäbe, dann ist die Beschäftigung der Geringqualifizierten natürlich niedriger, als wenn der Lohn sich frei auf dem Arbeitsmarkt gebildet hätte."

          Meyer ist sich sicher: Mit der Innovationsstrategie zur Steigerung der Ressourcenproduktivität lassen sich sowohl die ökologischen als auch die ökonomischen und viele soziale Probleme lösen, nicht zuletzt die der Sozialversicherung. Aber auf Europa beschränkte Maßnahmen werden weltweit verpuffen. Es bedarf schon der globalen Perspektive. Deshalb müssen insbesondere die Vereinigten Staaten, China und Indien eingebunden werden. Nicht zuletzt Deutschland würde davon profitieren.

          Was Meyers Buch so lesenswert macht, ist die unaufgeregte Argumentation. Hier hat kein "Alarmist" zur Feder gegriffen, sondern ein sachlicher und engagierter Analyst. Wenn, wie im vorliegenden Fall, auch noch Urteilskraft hinzukommt, dann lohnt die Lektüre in besonderem Maße.

          RALF ALTENHOF

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