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: Pure Lust an der Makroökonomik

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Brian Snowdon/Howard R. Vane: Modern Macroeconomics. Its Origins, Development and Current State. Edward Elgar, Cheltenham 2005, 808 Seiten, 35 Pfund.Makroökonomik macht Spaß! Das ist eine zentrale Botschaft des britischen Autorenduos Brian Snowdon (Northumbria University) und Howard Vane (Liverpool John ...

          Brian Snowdon/Howard R. Vane: Modern Macroeconomics. Its Origins, Development and Current State. Edward Elgar, Cheltenham 2005, 808 Seiten, 35 Pfund.

          Makroökonomik macht Spaß! Das ist eine zentrale Botschaft des britischen Autorenduos Brian Snowdon (Northumbria University) und Howard Vane (Liverpool John Moores University), das schon viel über dieses wichtige Gebiet innerhalb der Ökonomik publiziert hat und nun ein Lehrbuch vorlegt, das auf einem hoch gelobten Vorgänger aus den neunziger Jahren aufbaut. Snowdon und Vane wählen dabei einen Ansatz, der in Deutschland durch das Lehrbuch von Bernhard Felderer und Stefan Homburg bekannt ist: Sie arbeiten sich, beginnend mit Klassikern wie Adam Smith, durch die Dogmengeschichte bis zur Neuzeit, beschreiben die wichtigsten Theorien und schildern die oft heftigen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Schulen.

          Dennoch sind die beiden Werke kaum vergleichbar. Felderer und Homburg liefern eine knappe, nüchtern geschriebene, präzise, sehr disziplinierte Darstellung der wichtigsten Theorien und verwenden dabei mehr Mathematik als ihre beiden britischen Kollegen. Snowdon und Vane bevorzugen in ihrem rund doppelt so umfangreichen, flott geschriebenen Band eine verbale, durch Grafiken, Tabellen und Formeln sowie spannende Interviews mit berühmten Makroökonomen aufgelockerte Darstellung des Stoffes, die weitaus breiter und tiefer angelegt ist als die deutsche Konkurrenz. Die Literaturverweise belegen eine beeindruckende Belesenheit der beiden Autoren, die über eine gelegentliche Neigung zu Weitschweifigkeit und Wiederholungen hinwegtröstet.

          Snowdon und Vane beginnen nach einer kurzen Einführung in das Thema mit Kapiteln über die Herausforderung des traditionellen Denkens in ökonomischen Gleichgewichten durch die Allgemeine Theorie von John Maynard Keynes, deren Weiterentwicklung zur vorübergehend populären "neoklassischen Synthese" in der Nachkriegszeit durch amerikanische Keynesianer wie Paul Samuelson und James Tobin sowie die sich anschließende monetaristische Gegenrevolution unter Führung Milton Friedmans. Die Darstellung dieser ehemals einflußreichen, wenn auch längst überwundenen Lehren ist flüssig und eingängig (es fehlt leider der Beitrag von Karl Brunner und Allan H. Meltzer zum Monetarismus), doch der knappere Band von Felderer und Homburg hält hier ganz gut mit.

          In den Kapiteln über moderne Ansätze in der Makroökonomik indes - neben der zum Teil veralteten Literaturliste liegt hier traditionell eine Schwäche von Felderer und Homburg - kommen die beiden Briten voll in Fahrt. Sie beginnen mit der von Robert Lucas begründeten, auf den Annahmen effizienter Märkte und rationaler Erwartungen beruhenden Neuklassischen Theorie, behandeln ausführlich die aus der Neuklassik herausgewachsene Theorie der realen Konjunkturzyklen und gehen anschließend auf die Reaktion der sogenannten Neukeynesianer ein, die in zahlreichen Arbeiten die Annahme rationaler Erwartungen mit nicht perfekt funktionierenden Märkten verbinden.

          Der ehemals harte Streit zwischen den Vertretern konkurrierender Schulen ist in den vergangenen Jahren abgeebbt. Die meisten Makroökonomen stimmen heute wohl darin überein, daß die langfristige Wachstumsrate einer Volkswirtschaft hauptsächlich von den Angebotsbedingungen bestimmt wird, während die gesamtwirtschaftliche Nachfrage für die Erklärung kurzfristiger Konjunkturschwankungen wichtig bleibt.

          Doch Snowdon und Vane beschränken sich nicht auf die Beschreibung der bekanntesten Strömungen in der Makroökonomik. Sie erweitern das traditionelle Lehrbuchangebot vor allem durch zwei ausführliche Kapitel über die Neue Politische Makroökonomik, die sich nicht zuletzt mit dem Namen des in Harvard lehrenden Italieners Alberto Alesina verbindet und die als eine Art Ökonomische Theorie des Staates verstanden werden kann, sowie über die vor allem von Paul Romer und Robert Lucas vorangetriebene moderne Wachstumstheorie. Damit wird die jahrzehntealte, aber zunehmend unangebracht erscheinende Trennung der Analysen von Konjunktur und Wachstum überwunden. Ungewöhnlich für die herkömmliche Lehrbuchliteratur zur Makroökonomik, aber dennoch gelungen wirken auch zwei von externen Autoren geschriebene Kapitel zu Außenseiterschulen: der amerikanischen Variante des Postkeynesianismus (Paul Davidson) und der österreichischen Schule (Roger W. Garrison).

          Die Frage bleibt, an wen sich die Autoren mit diesem opulenten Buch wenden. Wer an einer deutschen Universität Makroökonomik hört und für eine Klausur im Grundstudium Theoriegeschichte lernen muß, wird vielleicht mit dem erkennbar in die Jahre gekommenen Standardwerk von Felderer und Homburg auskommen. Snowdon und Vane schreiben eher für an der Entwicklung der Makroökonomik interessierte fortgeschrittene Studenten sowie für Leser, die nach dem Studium wissen wollen, was sich in ihrem Fach in den vergangenen Jahren getan hat. Eine (etwas gestraffte) deutsche Übersetzung wäre vielleicht ein lohnendes Unterfangen.

          GERALD BRAUNBERGER

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