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: Perspektiven für den Mittelstand

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Bundesverband der Deutschen Industrie/Ernst & Young Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (Herausgeber): Der industrielle Mittelstand - ein Erfolgsmodell. BDI-Drucksache 347, Berlin 2003, 172 Seiten, 17,50 Euro.Kirsten Baus: Die Familienstrategie. Wie Familien ihr Unternehmen über Generationen sichern.

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          Bundesverband der Deutschen Industrie/Ernst & Young Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (Herausgeber): Der industrielle Mittelstand - ein Erfolgsmodell. BDI-Drucksache 347, Berlin 2003, 172 Seiten, 17,50 Euro.

          Kirsten Baus: Die Familienstrategie. Wie Familien ihr Unternehmen über Generationen sichern. Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler, Wiesbaden 2003, 167 Seiten, 34,90 Euro.

          Helmut Habig/Jochen Berninghaus: Die Nachfolge im Familienunternehmen ganzheitlich regeln. Zweite, neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Springer-Verlag, Berlin 2004, 326 Seiten, 44,95 Euro.

          Die mittelständischen Familienunternehmen gelten als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Dennoch gibt es erschreckend wenig fundierte Erkenntnisse über diese Spezies von Unternehmen, ihre Positionierung im internationalen Wettbewerb sowie vor allem ihre Perspektiven und Überlebenschancen für die Zukunft. Es ist daher zu begrüßen, daß die Verfasser von drei Schriften das Feld ausleuchten.

          Aufschlußreiche statistische Daten über die Entwicklung der mittelständischen Industrie seit 2001 und das Innenleben von Familienunternehmen liefert ein ansprechend aufbereitetes Gutachten, das der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zusammen mit Ernst & Young beim renommierten Institut für Mittelstandsforschung (IFM) Bonn in Auftrag gegeben hatte. Die Schrift enthält im ersten Teil Fakten und Zahlen über Industrieunternehmen mit weniger als 500 Beschäftigten und/oder einem Jahresumsatz von weniger als 50 Millionen Euro - und im zweiten Teil interessante, wenn auch nicht völlig überraschende qualitative Erkenntnisse über Strategien und Strukturen von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in Deutschland. Die Bonner Forscher haben berechnet, daß es hierzulande insgesamt 104 300 industrielle kleine und mittlere Unternehmen gibt. Dies entspricht immerhin 98 Prozent aller deutschen Industrieunternehmen. Und von diesen sind 88 800 als Eigentümergesellschaften oder Familienunternehmen zu kennzeichnen.

          Das oberste Ziel von Familienunternehmen, die immer noch vorrangig von Familienangehörigen geführt werden, besteht in der Erhaltung der Unternehmen als Erwerbsquelle der Familie. Die besondere Stärke von kleinen und mittleren Unternehmen liegt in Qualität, Service und Lieferflexibilität, die jeweils exakt auf die Kundenbedürfnisse ausgerichtet sind. Erfolgreiche KMU setzen auf Forschung und Entwicklung und gehen eine extrem enge Beziehung mit ihren Schlüsselkunden ein.

          Die Bonner Wissenschaftler konzedieren, daß sich aus den erhobenen Daten zwar Erfolgsfaktoren, aber keine eindeutigen und generalisierbaren Erfolgsmuster ableiten ließen. Erfolgsfaktoren würden erst dann zu tatsächlichen Erfolgsdeterminanten, wenn hinter den getroffenen Maßnahmen auch die richtigen Personen stünden. Das Kraftzentrum des Familienunternehmens liege daher stets in der Unternehmerpersönlichkeit. Die wichtigste Erfolgsvoraussetzung sei die professionelle Kombination von betriebswirtschaftlichen Instrumenten mit persönlicher Vorausschau, kluger Risikoabschätzung und unternehmerischer Integrität.

          An der Unternehmerfamilie knüpfen die beiden lesenswerten und mit Beispielen und Ratschlägen aus der Praxis gespickten Schriften der Spezialistin für Familienstrategie und Nachfolgeplanung Kirsten Baus sowie der Unternehmerberater Helmut Habig und Jochen Berninghaus an. Sie werfen die Frage nach der Kontinuität von Familienunternehmen über Generationen hinweg auf und behandeln damit ein eminent wichtiges Thema in Anbetracht der Tatsache, daß nicht einmal 5 Prozent aller je gegründeten Unternehmen heute die dritte Generation erreichen.

          Die kaum bestreitbare Kernthese von Kirsten Baus lautet: Nur eine Familie, die sich selber führen kann, ist auch in der Lage, die strategischen Fragen zu beantworten, die über die Zukunft von Familie, Unternehmen und Vermögen entscheiden. Die Autorin weist darauf hin, daß Streit in der Familie immer wieder das Aus traditioneller Unternehmen herbeiführt, die wirtschaftlich gesund sind. Nach ihrer wohlbegründeten Auffassung ist ein juristisch sauber ausgearbeiteter Gesellschaftsvertrag zwar notwendig, aber nicht hinreichend, um ein Familienunternehmen dauerhaft zusammenzuhalten.

          Sie fordert daher die systematische Erarbeitung einer Familienstrategie, in der so wichtige Fragen geklärt werden wie die folgenden: Wie halten wir die Familie zusammen? Wie führen wir die Junioren an die Familie heran? Wie entwickeln wir das Unternehmen weiter? Wie übertragen wir es auf die nächste Generation? In dieser Hinsicht - so ist die Beobachtung der Expertin - hätten uns die Vereinigten Staaten einiges voraus: Dort seien Familienstrategien und daraus erarbeitete Familiencharten weit verbreitet, die nicht nur das Verhältnis der Gesellschafter untereinander, sondern auch das viel komplexere und konfliktträchtige Verhältnis von Familie und Unternehmen regeln.

          Eine solche "Family Strategy" sorge dafür, daß der Frieden in der Familie bewahrt werde und daß sie zu einem berechenbaren Partner im Unternehmen werde. Hiervon hänge die Handlungsfähigkeit im operativen Geschäft ganz entscheidend ab, aber auch die Regelung der Nachfolge und anderer strategischer Fragen. Familienstrategien und Familiencharten mit definierten gemeinsamen Werten und Zielen seien folglich dem formalen Gesellschaftsvertrag vorzuordnen.

          Helmut Habig und Jochen Berninghaus behandeln in ihrem in der zweiten, neu bearbeiteten und erweiterten Auflage erschienenen Werk die Nachfolge in Familienunternehmen. Im ersten Teil des Buches werden knapp betriebswirtschaftliche Aspekte, dafür aber um so ausführlicher die familiären, psychologischen und emotionalen Facetten der Nachfolge diskutiert. So wird eingegangen auf die möglichen Konflikte zwischen dem Senior, der loslassen können, und dem Junior, der Unternehmer sein wollen muß. Dabei werden auch mögliche Tabuthemen bei der Nachfolgeplanung nicht ausgespart. Interessant und lehrreich sind die neu hinzugekommenen konkreten Beispiele aus Unternehmerfamilien und dem Adel.

          Im gut strukturierten zweiten Teil stellen die Autoren die aktuellen steuerlichen und rechtlichen Aspekte der Nachfolgeregelung praxisorientiert dar. Der Leser lernt unter anderem Gestaltungsmöglichkeiten der Übertragung eines Unternehmens zu Lebzeiten, vorbereitende Maßnahmen für den Fall des (plötzlichen) Todes des Unternehmers sowie vermeidbare Fehler in der Nachfolgeregelung kennen. Im Anhang finden sich hilfreiche Checklisten, die zu einer durchdachten Nachfolgeregelung beitragen können.

          Unternehmerfamilien, denen die Sicherung ihrer Unternehmen über Generationen am Herzen liegt, sollten die Schriften von Baus und Habig/Berninghaus im Doppelpack lesen. Nach der Lektüre dürfte klar sein, daß die Nachfolge im Familienunternehmen keine Reise ins Ungewisse zu sein braucht.

          ROBERT FIETEN

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