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: Offene Finanzsysteme

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Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Mit dieser Frage aus der Dreigroschenoper lässt sich heute noch mühelos in fast jeder Talkshow punkten. Banken und bis zu einem gewissen Grad Finanzinstitutionen überhaupt haben - nicht nur in Deutschland - einen schlechten Ruf. Sie gelten vielen als unproduktive Geldvermehrer.

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          Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Mit dieser Frage aus der Dreigroschenoper lässt sich heute noch mühelos in fast jeder Talkshow punkten. Banken und bis zu einem gewissen Grad Finanzinstitutionen überhaupt haben - nicht nur in Deutschland - einen schlechten Ruf. Sie gelten vielen als unproduktive Geldvermehrer. Deshalb müssen sie oft als öffentliche Prügelknaben herhalten. Das gilt umso mehr, wenn es um globale Kapitalströme geht. Der vollständigen Öffnung der Finanzmärkte stehen selbst viele erklärte Verteidiger der Globalisierung skeptisch gegenüber. Als eines der Hauptargumente für diese Ablehnung dienen Finanzkrisen, in denen die internationale Finanzspekulation die nationale Wirtschaftspolitik konterkariert und dabei angeblich mehr oder weniger gesunde Volkswirtschaften ruiniert oder doch wenigstens zurückgeworfen hat. Gleichzeitig wird es als vergleichsweise unbedeutend für die wirtschaftliche Entwicklung von aufstrebenden Volkswirtschaften eingestuft, ob sich das Finanzsystem dem internationalen Wettbewerb öffnet.

          Frederic Mishkin, seit 2006 Mitglied des Federal Reserve Board und viele Jahre Professor an der Columbia University, teilt diese Bewertung nicht. Ganz im Gegenteil: Er betrachtet eine Öffnung der Finanzsysteme als notwendige Voraussetzung für langfristiges Wirtschaftswachstum in Entwicklungs- und Schwellenländern. Zu Beginn seines Buches zeigt er die unverzichtbare Funktion von Banken für die richtige Allokation des Kapitals. Der Erfolg von Volkswirtschaften beruht auf der richtigen Allokation des vorhandenen Kapitals, die großenteils durch Banken gewährleistet wird. Dieser Funktion können Banken in Entwicklungsländern dauerhaft nur dann gerecht werden, wenn sie der Konkurrenz durch internationale Wettbewerber ausgesetzt werden und sich dadurch Wissen und Kompetenz aneignen.

          Die Öffnung der Finanzsysteme ist allerdings keine einfache Aufgabe. Viele Fehler können gemacht werden. Fast alle sind in den vergangenen Jahrzehnten auch tatsächlich gemacht worden. Mishkin untersucht das an drei Beispielen, denen er jeweils eigene Kapitel widmet: den Finanzkrisen in Mexiko 1994/95, in Südkorea 1997/98 und in Argentinien 2001/02. Die Ursachen, die er findet, unterscheiden sich wesentlich von denen, die sehr oft angeführt werden, wenn gegen die Öffnung der Finanzmärkte argumentiert wird. Vor allem ist wichtig, dass die Ursachen in jedem Fall sehr spezifisch waren und sich schon deshalb eine Pauschalisierung verbietet.

          In der zweiten Hälfte des Buches zeigt der Autor Handlungsoptionen für die aufstrebenden Volkswirtschaften, für den Internationalen Währungsfonds und für die westlichen Industriestaaten, welche die finanzielle Globalisierung zu einem Erfolg machen können. Mishkin spricht sich dabei gegen das Modell "One-Size-Fits-All" aus - jedenfalls in kurzfristiger Perspektive. So ist er zwar selbst ein entschiedener Befürworter flexibler Wechselkurse - unter bestimmten institutionellen Rahmenbedingungen und in bestimmten Situationen könne jedoch eine plötzliche Freigabe kontraproduktiv sein. So ist das Buch gleichermaßen ein Plädoyer für die Öffnung der Finanzmärkte, für eine radikale "finanzielle Globalisierung", wie für eine intelligente, unideologische Politik auf dem Weg zu diesem Ziel. Mishkin verbindet eine klare und empirisch fundierte Argumentation ohne Angst vor starken Aussagen mit einer sehr lesbaren Sprache. Sein Buch hebt sich schon daher von der Masse der Literatur zum Thema ab.

          SASCHA TAMM

          Frederic S. Mishkin: The Next Great Globalization. How Disadvantaged Nations Can Harness Their Financial Systems to Get Rich. Princeton University Press 2006, 320 Seiten, 27,95 Euro.

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