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: Ökonomie nach Darwin

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John Laurent/John Nightingale (Herausgeber): Darwinism and Evolutionary Economics. Edward Elgar Publishing, Cheltenham 2002, 254 Seiten, 59,95 Pfund.Immer wieder werden Vorwürfe an die in der Ökonomie vorherrschende neoklassische Theorie laut: Sie sei zu statisch, ihr Menschenbild naiv, ihre Modelle würden der komplexen Wirklichkeit nicht gerecht.

          John Laurent/John Nightingale (Herausgeber): Darwinism and Evolutionary Economics. Edward Elgar Publishing, Cheltenham 2002, 254 Seiten, 59,95 Pfund.

          Immer wieder werden Vorwürfe an die in der Ökonomie vorherrschende neoklassische Theorie laut: Sie sei zu statisch, ihr Menschenbild naiv, ihre Modelle würden der komplexen Wirklichkeit nicht gerecht. Das ist nicht nur ein Streit im Elfenbeinturm. Bei vielen wirtschaftspolitischen Fragen hängen die Antworten davon ab, welches Theoriegebäude ihnen zugrunde liegt. Selbst die Kritik am Internationalen Währungsfonds (IWF) und dem "Washington-Konsens" ist im Kern eine Auseinandersetzung mit der Neoklassik. "Nur wenn wir die tatsächlichen Wirtschaftsprozesse verstehen, und nicht nur ein einfaches Modell davon, wird ökonomische Analyse einen nützlichen Beitrag zur politischen Diskussion machen können", schreibt Richard Nelson im Vorwort dieser Aufsatzsammlung.

          Die Evolutionsökonomik - oder Evolutorische Ökonomik - ist eine traditionsreiche theoretische Strömung, die beharrlich am Paradigmenwechsel in der ökonomischen Wissenschaft arbeitet. Ihre Vertreter betonen, daß im Wirtschaftsleben ständig Neues ausprobiert wird, daß Systeme sich historisch und dynamisch entwickeln - und daß die Neoklassik dem nicht gerecht wird. Die Komplexität und Dynamik ökonomischer Systeme entziehe sich einfachen theoretischen Argumenten, meint Nelson. "Für Ökonomen, die sich nach der Eleganz der Physik sehnen, kann dies frustrierend sein." Die herrschende Lehre in der ökonomischen Wissenschaft hat sich aber seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert an der Physik orientiert - und dafür teuer bezahlt.

          Dabei mag es in der Natur der Sache liegen, daß sich die Diskussion überwiegend auf der methodologischen Ebene abspielt. Das zeigt auch dieser Band, in dem es um die Frage geht: Was können Ökonomen vom Biologen Charles Darwin lernen? Die Frage erscheint den Herausgebern des Bandes vor allem deshalb wichtig, weil der Darwinismus nach ihrer Einschätzung zur "Orthodoxie des modernen Denkens" wird - mit der Folge, daß sich die Ökonomie aus dem modernen Denken zu verabschieden droht, wenn sie ihn ignoriert.

          Die im ersten Teil des Buches zusammengefaßten Beiträge sind dem Einfluß evolutorischer Ideen auf die Ökonomie gewidmet. Peter Groenewegen arbeitet den evolutorischen Kern im Werk des Ökonomen Alfred Marshall heraus, der von Evolutionsökonomen gern als früher Kronzeuge ihrer Sache angeführt wird. John Laurent geht der Frage nach, ob und wie Marshalls berühmtester Schüler, John Maynard Keynes, davon beeinflußt worden ist. Er kommt zu einem zwiespältigen Urteil. Zwar zeige sich in seinen Schriften, daß Keynes mit den Ideen Darwins wohlvertraut war; jedoch habe sein wachsendes Interesse an der "menschlichen Natur" den darwinistischen Einfluß Marshalls mit der Zeit zurückgedrängt.

          Im zweiten Teil des Buches finden sich verschiedene Ansichten über die "richtige" evolutionäre Theoriebildung in der Wirtschaftswissenschaft. Dabei zeigt sich, daß beim Ideentransfer aus der Biologie in die Ökonomie der Teufel im Detail steckt. Zum Beispiel setzt sich Geoffrey Hodgson mit der Frage auseinander, ob die soziale Evolution darwinistisch oder lamarckistisch sei. Der französische Naturforscher Jean-Baptiste de Lamarck vertrat die Ansicht, daß erlerntes Verhalten vererbt werden könne - eine Ansicht, die in der heutigen Biologie als widerlegt gilt. In der Ökonomie ist es dagegen hinreichend offensichtlich, daß die Akteure voneinander lernen. Hodgson fragt daher, ob es nicht inkonsistent sei, in der Biologie Darwinist und in der Ökonomie Lamarckist zu sein. Was zunächst wie ein Scheinproblem anmutet, führt zumindest zu einer interessanten Auseinandersetzung mit den Details evolutionsökonomischer Theoriebildung.

          Dennoch bleibt die Frage, ob die Ressourcen in wissenschaftshistorischen und methodologischen Arbeiten noch effizient eingesetzt sind. Daß sich die neoklassische Ökonomik in einer Sackgasse befindet, ist bekannt. Was fehlt, ist jedoch, daß sich die evolutionsökonomische Alternative stärker in der Praxis wirtschaftspolitischer Beratung beweist.

          ROLF ACKERMANN

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