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: Neunzehn Finanzkrisen

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Jahrzehntelange Prosperität hat die Vermögen und damit auch die Märkte für Vermögensgüter stark wachsen lassen - und ebenso die Sorgen um die Stabilität des Finanzsystems. Das spiegelt sich zum Beispiel darin, dass mehrere große Notenbanken seit einiger Zeit regelmäßig einschlägige Risikoanalysen veröffentlichen.

          Jahrzehntelange Prosperität hat die Vermögen und damit auch die Märkte für Vermögensgüter stark wachsen lassen - und ebenso die Sorgen um die Stabilität des Finanzsystems. Das spiegelt sich zum Beispiel darin, dass mehrere große Notenbanken seit einiger Zeit regelmäßig einschlägige Risikoanalysen veröffentlichen. Zwei neue Publikationen - die dreibändige "History of Financial Disasters 1763-1995" sowie die historische Fallstudie "When Washington Shut Down Wall Street" - bereichern nun diese anschwellende Debatte über die Ursachen von Finanzkrisen und deren wirksame Bekämpfung. Der Blick zurück schärft den Sinn dafür, sich aufbauende Risiken an den Finanzmärkten beizeiten zu erkennen und zu entschärfen.

          Die drei Herausgeber der "History" haben 19 große Finanzkrisen ausgewählt. Darunter finden sich nicht zuletzt die europäische Krise von 1763, der vor allem zahlreiche Hamburger Bankhäuser zum Opfer fielen, sowie die deutsche Hyperinflation in den zwanziger Jahren. Außen vor bleiben aber zum Beispiel die Tulpenkrise in Holland von 1636 sowie die South Sea Bubble und das Mississippi-Debakel von 1720, ferner auch die Krisen der jüngeren Vergangenheit, zum Beispiel der Absturz Japans in die Deflation. Der Titel "Geschichte der Finanzdesaster" ist deshalb überzogen. Enttäuscht wird auch, wer eine durchgeschriebene Geschichte oder zumindest eine Sammlung von Analysen aus heutiger Sicht erwartet. Die Herausgeber sind vielmehr den Weg gegangen, die Finanzkrisen mit Hilfe jeweils mehrerer zeitgenössischer Originaltexte darzustellen. Dazu zählen unter anderem Zeitungsberichte, Briefe wichtiger Finanziers und Politiker, amtliche Untersuchungsberichte und akademische Analysen. Vorangestellt sind knappe Einleitungen der Herausgeber.

          Die Herausgeber - Stefan Altorfer und Mark Duckenfield lehren an der London School of Economics, Benedikt Koehler arbeitet für die Financial Services Authority in London - haben sich von der Idee leiten lassen, auch die tieferen politischen und wirtschaftlichen Ursachen der einzelnen Krisen auszuleuchten. Dazu präsentieren sie einige Texte, die der Öffentlichkeit bislang nicht zugänglich waren. Das macht das Werk für die Fachwelt zu einer Fundgrube. Der Leser wird allerdings weitgehend damit allein gelassen, die großen Entwicklungslinien und historischen Wendepunkte zu erkennen, zum Beispiel die sich wandelnde Rolle der Notenbanken bei der Bewältigung von Finanzdesastern. Schade.

          Außen vor bleiben auch die Ereignisse in Wall Street 1914. Ihnen widmet William Silber eine detailreiche Studie - und er scheut sich nicht, klare Thesen zu vertreten. Demnach gingen europäische Investoren nach Ausbruch des Weltkriegs in großem Stil dazu über, amerikanische Wertpapiere zu verkaufen, die Dollar-Erlöse in Gold zu tauschen und das Edelmetall nach Europa zu verschiffen. Der damalige amerikanische Finanzminister William McAdoo befürchtete, dass dies die amerikanischen Goldreserven aufbrauchen werde. Er drängte deshalb die New York Stock Exchange, den Börsenhandel für mehr als vier Monate einzustellen. Laut Silber, einem Finanzprofessor an der Stern School of Business in New York, gelang es McAdoo mit diesen und anderen Maßnahmen (darunter die Gründung der amerikanischen Notenbank), weitere Goldabflüsse zu verhindern. Anders als andere Länder konnte Amerika so dem Goldstandard treu bleiben - was Silber zufolge den Grundstein für den Aufstieg Amerikas zur finanziellen Supermacht legte.

          Silber leitet daraus Empfehlungen an das heutige Krisenmanagement ab: Wichtig sei, von vornherein einen Plan zu haben, allfällige Notmaßnahmen auch wieder zu beenden. Dies ermögliche es, einer akuten Krise "mit dem Vorschlaghammer" - wie der Schließung der Börse und damit der Verhinderung von Wertpapierverkäufen durch Ausländer - zu begegnen. Nicht jeder wird diesem wohlwollenden Resümee zustimmen, daran vorbei kommt man aber beim Blick in die Zukunft nicht: Schließlich verschlechtert sich Amerikas Nettovermögensposition aufgrund der seit Jahren riesigen Leistungsbilanzdefizite zusehends. Sollte es dadurch eines Tages zu einer Vertrauenskrise kommen, könnten amerikanische Politiker durchaus geneigt sein, zu solch hemdsärmligen Rezepten Zuflucht zu nehmen.

          BENEDIKT FEHR.

          Stefan Altorfer/Mark Duckenfield/Benedikt Koehler (Herausgeber): History of Financial Disasters 1763-1995. Pickering and Chatto (Publishers) Ltd., London 2006, drei Bände, 1200 Seiten, 295 Pfund.

          William L. Silber: When Washington Shut Down Wall Street. The Great Financial Crisis of 1914 and the Origins of America's Monetary Supremacy. Princeton University Press, Princeton 2007, 240 Seiten, 27,95 Dollar.

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