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: Neues über Ordnungen

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Drei bedeutende amerikanische Sozialwissenschaftler, darunter der Nobelpreisträger Douglass North, analysieren die Frage, wie moderne Gesellschaften und Volkswirtschaften entstanden sind. Das gesellschaftliche Hauptproblem besteht für sie in der Zähmung der menschlichen Gewaltbereitschaft. Nach North, JOhn Joseph Wallis und Barry R.

          Drei bedeutende amerikanische Sozialwissenschaftler, darunter der Nobelpreisträger Douglass North, analysieren die Frage, wie moderne Gesellschaften und Volkswirtschaften entstanden sind. Das gesellschaftliche Hauptproblem besteht für sie in der Zähmung der menschlichen Gewaltbereitschaft. Nach North, JOhn Joseph Wallis und Barry R. Weingast war Gewaltanwendung in Jäger- und Sammlergesellschaften weit verbreitet. In Gesellschaften, die sie als "natürliche Staaten" bezeichnen, war sie schon geringer.

          Aber der in ihrem Buch analysierte Weg zu modernen Gesellschaftsordnungen, die durch offene Zugänge zu Unternehmen, Märkten und politischem Einfluss, durch Rechtsstaat und Gewaltmonopol, auch durch weitgehende Überwindung negativer Wachstumsraten des Pro-Kopf-Einkommens gekennzeichnet sind, war lang. Im ersten Kapitel werden der begriffliche Rahmen und die Erklärungsskizze vorgestellt, im zweiten und dritten werden natürliche Staaten beschrieben, im vierten durch offene Zugänge statt Wettbewerbsschranken charakterisierte Gesellschaften, im fünften die Voraussetzungen für den Übergang von begrenztem zu offenem Zugang, im sechsten der Übergangsprozess selbst, während im siebten Kapitel eine Zusammenfassung in allgemeine Überlegungen zur sozialwissenschaftlichen Forschung übergeht.

          Nach den drei Autoren sind natürliche Staaten vor mehr als 5000 Jahren entstanden. Auch heute leben die meisten Menschen noch in solchen Gesellschaften. Die dominante Koalition oder Elite in solchen Gesellschaften droht Gewalt an und verzichtet bei Fügsamkeit der Untertanen auf Gewaltanwendung, wodurch die Gesellschaft produktiver als vorher werden kann, wobei aber die Zugänge zu Ressourcen (wie Land, Arbeitskräften und Kapital) von den Eliten kontrolliert werden. Die Eliten genießen Privilegien und Renten, die aus Zugangs- und Wettbewerbsschranken resultieren. Persönliche Beziehungen dominieren. Eigentumsrechte bleiben unsicher.

          In den sogenannten "reifen" natürlichen Staaten werden drei Schwellen für den Übergang zu Gesellschaften mit offenem Zugang erreicht. 1. Für die Eliten entsteht die Herrschaft des Gesetzes. Aus deren Privilegien werden Rechte. Elitäre Eigentumsrechte werden sicher. 2. Öffentliche und private Organisationen werden dauerhaft, rechtsfähig (juristische Personen) und nicht mehr durch den Tod ihrer Führer gefährdet. Damit werden soziale Beziehungen versachlicht. 3. Die Militärgewalt wird zentralisiert und politischer Kontrolle unterworfen, womit die Gefahr von Bürgerkriegen und Staatsstreichen überwunden wird.

          Im westlichen Europa und in den Vereinigten Staaten wurden die Schwellen vor rund 200 Jahren erreicht. Die Schwellen gelten den Autoren als notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzungen für den Übergang. Der eigentliche Übergang Mitte des 19. Jahrhunderts besteht in der Ausweitung der Zugangschancen - ob bei der Gründung von Kapitalgesellschaften oder der politischen Einflussnahme. Aus dem Rechtsstaat für wenige wird ein Rechtsstaat für alle oder zumindest sehr viele.

          In der Wirtschaft und in der Politik verschärft sich der Wettbewerb. Zunehmend unpersönliche Austauschbeziehungen verbessern Produktivität, Volkseinkommen und politische Stabilität. Machthaber können den Verlust politischer Ämter gut überleben. Der Staat wird zwar durch das Recht begrenzt, aber das Ausmaß der Staatstätigkeit nimmt zu, wie öffentliche Schulen, staatliche Infrastrukturleistungen oder Sozialversicherungen illustrieren.

          Das Buch ist anspruchsvoll, aber nicht schwer lesbar. Dass die Theorie skizzenhaft bleibt, kann kein Einwand sein. Das gilt auch für alle vergleichbaren Ansätze. Aber zwei Merkmale der Analyse können beunruhigen. Erstens ist das Buch eurozentristisch. Das ist vor allem deshalb so problematisch, weil der Weg in die Moderne weitgehend als zunehmende Verrechtlichung sozialer Beziehungen verstanden wird.

          Für den Westen ist das nachvollziehbar. Aber in China und weiten Teilen des angrenzenden Ostasiens herrscht Skepsis gegenüber der Möglichkeit, über Verrechtlichung Gesellschaften zu befrieden. Man wüsste gern, wie die drei Autoren China in ihrem Ansatz einordnen. Zweitens ist das Buch trotz punktueller Zweifel im Ganzen optimistisch, was die Leistungsfähigkeit westlicher Marktwirtschaften und Demokratien angeht. Anhänger der Theorie öffentlicher Wahlhandlungen (",Public Choice"), die eine Gefährdung von Demokratien durch Interessengruppen und das Streben nach politischen Renten ("Rent-Seeking") hervorheben, werden explizit kritisiert. In der sich abzeichnenden Verschuldungskrise demographisch absteigender Demokratien fällt es schwer, die optimistische Grundstimmung der Autoren zu teilen.

          ERICH WEEDE.

          Douglass C. North et. al.: Gewalt und Gesellschaftsordnungen.

          Mohr Siebeck. Tübingen 2011. 326 Seiten. 94 Euro.

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