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: Name und Mythos

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Christiane Oppermann: Ferrari. Das schnellste Unternehmen der Welt. Campus Verlag, Frankfurt 2005, 264 Seiten, 24,90 Euro.Mit dem Namen und dem Mythos von Ferrari suchen viele Geld zu verdienen. Die einen bieten am Rand der Rennstrecken Fähnchen oder rote Schirmmützen mit gefälschtem Ferrari-Logo an.

          Christiane Oppermann: Ferrari. Das schnellste Unternehmen der Welt. Campus Verlag, Frankfurt 2005, 264 Seiten, 24,90 Euro.

          Mit dem Namen und dem Mythos von Ferrari suchen viele Geld zu verdienen. Die einen bieten am Rand der Rennstrecken Fähnchen oder rote Schirmmützen mit gefälschtem Ferrari-Logo an. Andere verkaufen Übertragungsrechte an Formel-1- Rennen für viel Geld. Entsprechend groß ist auch die Versuchung der Verlage, mit dem wohlklingenden Namen die Käufer im Buchladen anzulocken. Das Werk von Christiane Oppermann, rechtzeitig zur IAA in Frankfurt erschienen, weckt wieder einmal große Erwartungen - ohne daß freilich der Inhalt diesen gerecht werden kann.

          Damit der Text zumindest auf den ersten Blick so flott wirkt wie der Titel, enthält er jede Menge Schlagworte, vom "Cavallino rampante" (dem Pferd im Ferrari-Wappen) bis hin zur "Scuderia" (dem Rennstall). Doch ansonsten enthält das Werk zunächst einmal einen braven Aufschrieb der Lebensgeschichte von Enzo Ferrari, destilliert aus vielen vorhandenen Biographien. Der zweite Teil des Buches besteht dann zu fast neunzig Prozent aus der Chronik von Ferrari in der Formel 1 von 1991 bis heute. Die im Klappentext versprochene Antwort auf die Frage, "wie Leidenschaft und Management-Methoden ... sich zu dem Erfolg zusammenfügen, der den Mythos der Marke ausmacht", sucht der Leser vergebens.

          Dabei wäre es reizvoll, den Bogen von den Autorennen zu spannen, weil gerade in den jungen Jahren von Enzo Ferrari die Verbindung viel direkter war als heute. In den zwanziger Jahren gab es noch Hunderte von Autoherstellern, aber noch nicht die festen Markenbilder wie heute, auch nicht die modernen Instrumente des Marketings. Autorennen und Ausdauerfahrten waren die wichtigsten Methoden, für einen Markennamen oder für ein Automodell Aufsehen zu schaffen. Danach, mit Leuten wie Enzo Ferrari, hat sich die Welt der Autorennen verselbständigt und wurde immer professioneller, wobei die Mythen um manche Automarken noch immer aus Rennerfolgen in den dreißiger oder fünfziger Jahren herrühren. Für Enzo Ferrari aber waren, wie auch aus dem Buch hervorgeht, die Autorennen Selbstzweck. Daß er begann, mit seinem Markenzeichen auch Sportwagen zu verkaufen, diente allein der Finanzierung seiner Rennleidenschaft. Weil Enzo Ferrari wirtschaftliche Durststrecken überstand, während eines langen Lebens die Firma führen konnte und schließlich durch ein Abkommen mit Fiat den Weiterbestand der Firma sicherte, ist nun Ferrari der einzige Rennstall, der seit der Nachkriegszeit ohne Unterbrechung an der Formel 1 teilnahm. Der Rennstall gelangte damit in eine Zeit, in der die Formel 1 selbst zum extremen Markenprodukt geworden ist, das nun vor Millionen von Zuschauern auf andere Weise den Mythos Ferrari am Leben erhält. Doch was den Rahmen für die Entwicklung von Rennstall und Autofirma bildete, bleibt in der Chronik unterbelichtet.

          Die Entwicklung des Unternehmens vor allem in den vergangenen zwanzig Jahren bleibt dabei nicht nur blaß, sondern wird stellenweise verzerrt. Es wirkt reichlich naiv, wenn geschrieben wird, daß der mittlerweile an Ferrari beteiligte Giovanni Agnelli den gerade 25 Jahre alten Universitätsabsolventen Luca di Montezemolo als Aufpasser zu Enzo Ferrari geschickt habe. Montezemolo hatte zusammen mit einem Agnelli-Neffen als Student Erfahrungen bei Autorennen gesammelt und kannte die Familie. Doch die Stellung als Enzo Ferraris Assistent war für Montezemolo die erste der Berufslaufbahn. Seinem Geschick, seiner Chuzpe und seinen manchmal unkonventionellen Führungsmethoden hatte es Montezemolo dann zu verdanken, daß er wenig später als jüngster Rennleiter der Formel 1 aus einem intriganten Haufen einen Rennstall formte, der mit Niki Lauda die Weltmeisterschaft gewinnen konnte. Doch dies wird ebensowenig beschrieben wie der Umstand, daß die Arbeit für und mit Enzo Ferrari ebenso wie die Weltmeisterschaft mit Lauda für die spätere Karriere von Montezemolo als Ferrari-Präsident entscheidend war. Denn Montezemolo konnte damit später als Erbe von Enzo Ferrari auftreten und 1991 selbst eine gute Portion Mythos zur führungslos gewordenen Firma mitbringen. Wie Montezemolo dann den Mythos aus den Autorennen in Unternehmensumsatz verwandelte, mit der Ausweitung des Vertriebsnetzes von 20 auf mehr als 40 Länder, mit hohen Ansprüchen an eine neue Modellpalette - das alles enthält das Buch nicht.

          TOBIAS PILLER

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