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: Mordshunger

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In dem Kölner Fernsehkrimi "Mordshunger" bekämpft ein Kommissar seine Beziehungskrise mit exzessivem Delikatessenverzehr. Der Entwicklungshilfe-Experte Jean Feyder verwendet den gleichen Titel sehr viel sinnfälliger für eine sinistre sozioökonomische Analyse von Nahrungsmittel-Misere und Hungertod in den armen Ländern.

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          In dem Kölner Fernsehkrimi "Mordshunger" bekämpft ein Kommissar seine Beziehungskrise mit exzessivem Delikatessenverzehr. Der Entwicklungshilfe-Experte Jean Feyder verwendet den gleichen Titel sehr viel sinnfälliger für eine sinistre sozioökonomische Analyse von Nahrungsmittel-Misere und Hungertod in den armen Ländern. Seine Frage nach Verursachern und Profiteuren scheint brisanter denn je: Vor zehn Jahren wurde als Ziel proklamiert, den Anteil der 840 Millionen Hungernden an der Weltbevölkerung bis 2015 zu halbieren. Stattdessen hat deren Zahl heute die Milliardengrenze überschritten. Alle sechs Sekunden verhungert ein Kind, und täglich sterben 25 000 Menschen, weil sie nicht genug zu essen haben - 9 Millionen im Jahr.

          Jean Feyder, Botschafter Luxemburgs bei UN und WTO, Vorsitzender des Genfer Komitees der "Least Developed Countries" und Präsident der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung, beklagt seit langem dieses Elend. Die Ursachen für den Nahrungsmangel in den armen Ländern sieht er in unfairen Handelsbeziehungen, dem rapiden Schwund bäuerlicher Existenzen und dem gnadenlosen Geschäft multinationaler Konzerne mit dem Hunger. Am Beispiel von Haiti, Ghana und Indien zeigt Feyder, wie Länder, die sich vormals mit Reis selbst versorgten, durch Dumpingpreise nach dem Wegfall von Handelsbeschränkungen zu abhängigen Lebensmittelimporteuren wurden, wodurch ein Großteil der ländlichen Bevölkerung verelendete. Streng ins Gericht geht der Autor mit den Vereinigten Staaten, ebenso mit der Welthandelsorganisation, dem Währungsfonds und der Weltbank, die eine für schwache Ökonomien feindliche Liberalisierung der Märkte vorantrieben.

          Auch der Luxemburger Premier Jean-Claude Juncker geißelt in seinem Vorwort das janusköpfige Tun internationaler Organisationen: "Während sich auf der einen Seite die Entwicklungspolitik bemüht, den Ärmsten der Armen auf dem Weg zu einem besseren Leben zu helfen, wird oft, eigentlich regelmäßig, zwei Konferenzräume weiter in Ausübung von Machtpolitik in Reinkultur für die Wirtschaftsinteressen westlicher Konzerne gefochten."

          Tatsächlich haben weder die Vereinigten Staaten noch die Europäische Union ihre Landwirtschaft gänzlich den nackten Regeln des Marktes unterworfen. Auch China konnte durch die Abschottung seiner Landwirtschaft Hunger und Armut drastisch senken. Feyder fordert deshalb, den Entwicklungsländern zu erlauben, sich mit hohen Importzöllen gegen Konkurrenten wehren zu dürfen, bis vor allem der eigene Nahrungsmittelsektor wettbewerbsfähig geworden ist. Nur ein Umdenken zunächst und vor allem in der Landwirtschaft der Hungerländer bewahre davor, dass die Armen noch ärmer würden.

          In den Entwicklungsländern entstehende Industrien brauchten gleichfalls staatliche Regulierung und so lange Protektion, bis sie im weltweiten Wettbewerb mit den etablierten Wirtschaftsgiganten mithalten könnten: "Statt einer weiteren Liberalisierung benötigen die ärmsten Entwicklungsländer einen neuerlichen Schutz ihrer Märkte. Die Weltbank, der Internationale Währungsfonds und die Industrieländer müssen akzeptieren, dass die schwächsten Länder Regeln der WTO, die protektionistische Maßnahmen zulasse, so flexibel wie möglich für sich nutzen." Auch der Marshallplan habe schließlich hohen schützenden Zollschranken zugunsten der nationalen Industrien und strengen Regeln zu Geldtransaktionen seinen Erfolg verdankt.

          Im Übrigen müsse sich die Entwicklungspolitik der Industriestaaten radikal verändern, wenn die 9 Milliarden Menschen von morgen ohne ökologischen und sozialen Kollaps satt werden sollten. Dazu gehörten auch tiefgreifende Reformen des internationalen Finanz- und Währungsgebarens, Ausgleichszahlungen für die Anpassung armer Länder an das sich verändernde Klima sowie mehr regionale Integration für kleine Märkte, um der ökonomischen Verwundbarkeit armer Nationen zu begegnen. Ein deutliches Wort richtet Feyder am Schluss an die EU: "Die Frage der Hungerbekämpfung verdient es, auf höchster politischer Ebene behandelt zu werden. Der Europäische Rat sollte sie deshalb wie die Entwicklungspolitik auf seine Agenda setzen. Ausdrückliches Ziel wäre es, die Geißel des Hungers in der ganzen Welt auszurotten."

          Feyders Argumente sind nicht neu, doch in ihrer komplexen Zusammenschau äußerst bedrückend. Dennoch bleibt sein Forderungskatalog wohl in vieler Hinsicht ein frommer Wunsch. Die erschreckenden Fakten treffen dabei auf Leser, die wohl selbst nie unter Hunger gelitten haben, es sei denn aus Diätgründen. Gerade in der kalenderverordneten Völlerei der Weihnachtstage schlägt die Lektüre dieses Buches schwer auf den Magen, schmerzhafter als jeder mörderische Krimi.

          ULLA FÖLSING.

          Jean Feyder : Mordshunger. Wer profitiert vom Elend der armen Länder?

          Verlag Westend, Frankfurt 2010, 336 Seiten, 24,95 Euro

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