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: Mehr, als man glaubt

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Lassen Demokratie, Frieden und Wohlstand das Bedürfnis nach Kirche und den Glauben an Gott nach und nach verschwinden? Sind die heutigen Kirchensteuerzahler nichtgläubige Pragmatiker, die eines Tages romantisch heiraten, ihre Kinder auf eine gute - katholische - Schule schicken oder bei der Caritas ...

          Lassen Demokratie, Frieden und Wohlstand das Bedürfnis nach Kirche und den Glauben an Gott nach und nach verschwinden? Sind die heutigen Kirchensteuerzahler nichtgläubige Pragmatiker, die eines Tages romantisch heiraten, ihre Kinder auf eine gute - katholische - Schule schicken oder bei der Caritas arbeiten wollen? Eine "Gesellschaft ohne Gott" mag sich der Bonner Publizist Andreas Püttmann in seinem Buch nicht ausmalen.

          Es wäre eine Gesellschaft, die nicht nur geistig und spirituell verarme, sondern auch ökonomisch an Boden verliere. Dafür gebe es viele Beispiele: Deutschlands erfolgreichste Landstriche liegen heute im weniger entchristlichen Süden. In den Vereinigten Staaten sind die Staatsausgaben in solchen Bundesstaaten besonders niedrig, in denen der Anteil der Kirchenmitglieder an der Bevölkerung hoch ist.

          Ökonomen sind davon überzeugt, dass das Gebot "Du sollst nicht stehlen" sehr wirksam ist, um ein System von Eigentumsrechten zu etablieren, "weil Regelverletzungen von einem als allgegenwärtig und allmächtig wahrgenommenen Gott oder durch Ächtung in der Glaubensgemeinschaft bestraft werden können. Auf diese Weise produzieren Religionen eine Art öffentliches Gut", meint Robert Tollison, der Autor des berühmten Lehrbuches "Economics": "Ein Gut, von dem alle Gesellschaftsmitglieder profitieren, auch wenn sie mangels Frömmigkeit selbst nicht an seiner Produktion beteiligt waren." Jeder Austretende ist also, was Ökonomen einen "freerider" nennen - jemand, der nichts zahlt, aber die positiven Wirkungen mitnimmt.

          Offen ist die Frage, ob diese ökonomisch positiven Wirkungen des Glaubens, die sich empirisch vor allem bei kirchennahen Menschen feststellen lassen, die "Kosten des Glaubens" übersteigen, zu denen Kirchensteuer oder Intoleranz fundamentalistischer Gruppen zu rechnen wären. Püttmann bejaht dies und verweist auf Friedrich von Hayek, der für sich persönlich den Glauben an Gott ablehnte, aber die These vertrat, dass der Glaube die Menschen zu ökonomisch vernünftigem Verhalten anhalte. Hayek nannte Ehrlichkeit, Vertragstreue, Respekt vor Eigentum und der Familie.

          Heutige Studien zeigen vielmehr, dass gläubige Menschen aktiver, gesünder, psychisch stabiler und glücklicher sind. Fromme Wirtschaftslenker wüssten, so ein ehemaliger BASF-Manager, dass es nicht nur auf Zahlen ankomme; sie erfassten vielmehr den gesamten Kontext und hätten feine Antennen für Störgeräusche.

          In der Wirtschaftswissenschaft erfreut sich das Thema inzwischen einiger Aufmerksamkeit. Friedrich Heinemann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim legte vor einigen Monaten dar, dass immer häufiger der Zusammenhang zwischen Religiosität und wirtschaftlichem Wohlergehen diskutiert werde. Dabei komme man zu dem Ergebnis, dass Religiosität messbare positive Wirkungen haben kann, wenn es um wirtschaftliche Entwicklung, Kriminalität oder den Gesundheitszustand geht.

          Einen messbaren Einfluss gibt es auch auf die Sparsamkeit von Menschen, wie der italienische Ökonom Luigi Guiso zeigte. Die Fähigkeit, durch Ersparnis auf unmittelbaren Konsum zu verzichten, sei von großer Bedeutung für Entwicklungsländer, die auf Ersparnis und Investitionen angewiesen sind, um der Armut entwachsen zu können. Dazu passt, dass sich in den Ländern Afrikas hohe AIDS-Raten und die Ausbreitung des katholischen Glaubens antiproportional zueinander verhalten. In Deutschland sind rund 3000 Unternehmer, Freiberufler und Führungskräfte in christlichen Wirtschaftsvereinigungen organisiert. Als Beispiele dezidiert religiös orientierter "Hochkaräter" werden Obi-Gründer Manfred Maus, Christiane Underberg, Gerhard Cromme, Heinrich Deichmann oder Norbert Walter aufgeführt.

          Auch Püttmann kann nicht exakt berechnen, was uns eine Gesellschaft ohne Gott kosten würde. Er kann aber mahnen und warnen, indem er auf viele Selbstverständlichkeiten hinweist, die verlorengehen könnten, würde man Gott ins Abseits schieben. Zudem: Woran würden sich die Menschen stattdessen orientieren? Hätte Kants Vernunftgedanke die gleiche Ausstrahlungskraft wie eine Weihnachtsmesse im Kölner Dom? Treten Aktienkurse oder Anarchie, Sozialismus oder Nationalsozialismus an seine Stelle? Püttmann, der über den zivilen Ungehorsam promoviert hat, erinnert in einem engagiert verfassten und fundiert recherchierten Weckruf an die Grundlagen unseres Zusammenseins.

          JOCHEN ZENTHÖFER

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