https://www.faz.net/-gqz-129zo

: Marx auf menschliche Weise

  • Aktualisiert am

Während Karl Marx in seinem "Kapital" die inneren Widersprüche aufzeigt, an denen der Kapitalismus zugrunde gehe, skizziert sein Namensvetter Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, einen gesellschaftlichen Entwurf, in dem menschliche Freiheit, Würde und wirtschaftliche Effizienz im Sinne des Gemeinwohls zusammenwirken.

          3 Min.

          Während Karl Marx in seinem "Kapital" die inneren Widersprüche aufzeigt, an denen der Kapitalismus zugrunde gehe, skizziert sein Namensvetter Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, einen gesellschaftlichen Entwurf, in dem menschliche Freiheit, Würde und wirtschaftliche Effizienz im Sinne des Gemeinwohls zusammenwirken. Er hat aber Verständnis, ja Sympathie für die Kapitalismuskritik von Karl Marx: Was nütze es dem Armen, wenn er zwar wie seine reichen Mitbürger die formalen Freiheitsrechte wahrnehmen, sie aber materiell nicht nutzen könne?

          Freilich kann er in ein Land abwandern, das ihm größere Entfaltungsmöglichkeiten verspricht, während Abwanderungswillige im real existierenden Sozialismus daran durch Mauer und Stacheldraht gehindert wurden. Dies ist der Punkt, an dem sich Reinhard Marx mit seinem Namensvetter kritisch auseinandersetzt: Menschenbild und Freiheitsverständnis. Karl Marx sieht menschliche Freiheit erst dann realisiert, wenn die kapitalistische Produktionsweise überwunden sei, in der die Besitzer der Produktionsmittel je für sich nach Mehrwert strebten, Kapital akkumulierten, die anderen Produzenten niederkonkurrierten und in der das besitzlose Proletariat, das nichts als seine Arbeitskraft anzubieten habe, ausgebeutet werde. Nach dem Zusammenbruch des Kapitalismus verfüge das gesellschaftliche Kollektiv über die Produktionsmittel und könne in einem umfassenden Plan sich selbst verwirklichen. Damit realisiert sich die Freiheit der Genossen in der Aufstellung und im Vollzug dieses Plans, wobei sie sich den planenden und ausführenden Organen der Sozialistischen Partei unterordnen müssen.

          Der kollektivistischen Verirrung setzt Reinhard Marx das christliche Freiheitsverständnis entgegen, das auf individueller Verantwortung dem Schöpfer und den Mitmenschen gegenüber beruhe. Es sei falsch, Glaube und Vernunft gegeneinander auszuspielen; Glaube bedürfe vielmehr der Vernunft, um den Reichtum einer christlichen Existenz auszuschöpfen. Marx selbst stellt sich bewusst auf den Boden des Neoliberalismus, den Alexander Rüstow und Wilhelm Röpke konzipiert hätten und der auch das Menschsein "jenseits von Angebot und Nachfrage" (Röpke) ausleuchte. Er bedauert an verschiedenen Stellen seines Buches die Blutarmut der modernen Volkswirtschaftslehre, weil Studierende und auch Professoren immer weniger von dem wüssten, was sich abseits der Formelhaftigkeit ihrer Modelle abspiele.

          Die entscheidenden Aktionsfelder sind für Marx soziale Gerechtigkeit, Arbeit als Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen und Bildung als Voraussetzung hierfür. Marx versteht soziale Gerechtigkeit aber nicht so, wie Politiker sie missverstehen: Tue Gutes mit dem Geld anderer Leute. Er macht darauf aufmerksam, dass etwa ein knappes Drittel unseres Sozialprodukts für soziale Zwecke ausgegeben würde, ohne dass die sozialen Probleme in unserem Lande gelöst seien; sie hätten sich in verschiedenen Bereichen sogar verschärft. Er geißelt unsere Gesellschaft, dass sie wachsende Kinderarmut dulde. Er fordert nicht die finanzielle Aufstockung entsprechender Etatposten, sondern eine Familienpolitik, in der die Leistungen, die in einer Familie erbracht würden, auch gesellschaftlich anerkannt würden. Auch die Hebung der Beschäftigung und eine entsprechende Bildungspolitik könnten Abhilfe schaffen.

          Auf dem Arbeitsmarkt könne sich soziale Gerechtigkeit als Teilhabe entfalten. Damit transponiert Marx eines der meistgenutzten und -vernutzten Schlagworte moderner Massendemokratien in eine nach vorne gerichtete Perspektive. Er formuliert gegenüber Unternehmern den Anspruch, die beschäftigten Arbeitskräfte nicht als bloße Kostenstellen, sondern als Mitwirkende in einem gemeinschaftlichen Schaffungsprozess zu sehen. Er weist aber auch auf die Eigeninitiative jedes Einzelnen hin. Er berichtet von Versuchen im Bistum Trier, für Beschäftigung im zweiten und dritten Arbeitsmarkt zu sorgen. Es wäre besser, Arbeit zu bezahlen, als Arbeitslosigkeit zu finanzieren.

          Entscheidend ist freilich, dass Arbeitsplätze entstehen, die sich selbst finanzieren. Dies lässt sich nur erreichen, wenn der Arbeitsmarkt nicht mehr als Tummelplatz sozialpolitischer Bemühungen, sondern wieder als ein Markt behandelt wird. Auch hier werden Leistungsströme getauscht: Der aus den Unternehmen fließende Strom an Löhnen und Sozialleistungen wird mit dem zurückfließenden Erlös aus Gütern und Dienstleistungen verglichen. Ist der Saldo negativ, kann kein Betrieb existieren. Gerade wenn Politik will, dass die Wirtschaft den Menschen dient, darf sie diese Wahrheit nicht unterdrücken.

          Der Bildung kommt in unserer Gesellschaft eine Schlüsselfunktion zu. Auf wenigen Seiten umreißt Marx ein bildungspolitisches Konzept, das über den Tag hinausreicht. Es ist die Basis für ein individuell beglückendes Leben, das zugleich die Gesellschaft bereichert. Bei aller Bedeutsamkeit ökonomischer Aspekte greife eine Reduktion der Bildung auf wirtschaftliche Verwertbarkeit zu kurz. Da gibt der Ökonom dem Theologen ausdrücklich recht. "Das Beste, das Bildung leisten kann", sagt Reinhard Marx, "ist Menschen in klaren Werthaltungen zu verwurzeln, sie zu beziehungsfähigen, innerlich reichen Persönlichkeiten zu bilden." Ein reiches, ein wegweisendes Buch.

          JOACHIM STARBATTY

          Der Verfasser ist Professor (em.) der Universität Tübingen und Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft.

          Weitere Themen

          Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

          Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

          Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

          Topmeldungen

          Menschenrechte in Xinjiang : Pekings alternative Fakten

          Mit einer internationalen Medienkampagne begegnet China der Kritik an der Unterdrückung der Uiguren in Xinjiang. Die Veröffentlichungen im Westen haben im Machtapparat offensichtlich Unruhe ausgelöst.
          Integrationskurs für Migrantinnen in Würzburg, 5. November 2015.

          Bayerns Integrationskurse : Keine staatliche „Gesinnungspolizei“

          Der Bayerische Verfassungsgerichtshof hat entschieden, dass Bayern eine landeseigene Leitkultur definieren und für diese werben darf. Verpflichtende Bürgerkundekurse für geistige Integrationsverweigerer hat der Gerichtshof hingegen richtigerweise untersagt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.