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: Männer mit Vergangenheit

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Der rasche Wiederaufbau Westdeutschlands aus den Trümmern des "Dritten Reichs" erschien Zeitgenossen wie ein Wunder. Zu dessen Vater hat man Ludwig Erhard erklärt, der 1948 die Grundlagen für die Marktwirtschaft gelegt hatte. Das noch heute gängige Schlagwort vom "deutschen Wirtschaftswunder" ist jedoch älter.

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          Der rasche Wiederaufbau Westdeutschlands aus den Trümmern des "Dritten Reichs" erschien Zeitgenossen wie ein Wunder. Zu dessen Vater hat man Ludwig Erhard erklärt, der 1948 die Grundlagen für die Marktwirtschaft gelegt hatte. Das noch heute gängige Schlagwort vom "deutschen Wirtschaftswunder" ist jedoch älter. Der Publizist Hans Priester hatte es schon 1936 erfunden. Damals freilich war es auf den Aufschwung unter den Nationalsozialisten gemünzt. (Nur) Auf den ersten Blick wundersam erschien dann auch die kräftige Produktionssteigerung der letzten Kriegsjahre, zu der Albert Speer die Rüstungsindustrie trieb. Der Unterschied zwischen dem nationalsozialistisch gelenkten Wirtschaftsaufschwung der dreißiger Jahre und dem westdeutschen Aufschwung nach 1948 ist freilich entscheidend: Unter den Nazis diktierte die politische Führung, bei Erhard hingegen bestimmten der Markt und die Verbraucher, was produziert und wo investiert werden sollte.

          Über den Systemwechsel hinweg gab es freilich Kontinuitäten, vor allem personelle. Etliche große Unternehmer, die sich um das sogenannte westdeutsche Wirtschaftswunder verdient machten, waren schon vorher in herausgehobener Stellung tätig gewesen, dem NS-Regime oft gefährlich nahe. Die Industriellen Friedrich Flick oder Alfried Krupp hatten am Krieg blendend verdient. Nach einer Zeit der Inhaftierung in alliierten Gefängnissen gelang es ihnen erstaunlicherweise, trotz teilweiser Enteignung und Zerschlagung ihrer Vermögen abermals an die Spitze der westdeutschen Reichtumspyramide zurückzukehren. Auf sie trifft die absichtlich schillernde Bezeichnung "Wundertäter" von Nina Grunenberg zweifellos zu. Als pauschalierende Anklage gegen die gesamte Unternehmergeneration der Aufbaujahre jedoch ist sie unhaltbar. Wenngleich Grunenberg um Differenzierung bemüht ist und auch NS-kritische Unternehmer wie Hermann Reusch in ihrer Darstellung nicht unterschlägt, erweckt ihre collageartige Personalgeschichte dennoch streckenweise den verzerrenden Eindruck, das westdeutsche Wirtschaftswunder baue organisch auf braunen Fundamenten auf.

          So lautet eine These in dem Buch, die Persönlichkeiten des Wiederaufbaus hätten ihre entscheidenden Führungsqualitäten von 1942 an unter Speers Anleitung erlernt: "das Planen in großen Dimensionen, ein drakonischer Managementstil, der Hindernisse mit Phantasie und Brutalität überwand, und der unbekümmerte Umgang mit Risiken". Tatsächlich entstammten einige der energischsten Jungunternehmer diesem Stall, beispielsweise Willy H. Schlieker, der in den fünfziger Jahren als Stahlhändler in kurzer Zeit ein großes Vermögen machte, dann aber mit seiner Hamburger Werft finanziell Schiffbruch erlitt. Bei Speer hatte Geld keine Rolle gespielt, allein das materielle Produktionsergebnis zählte. Wenngleich wohl die Mehrheit der "Wehrwirtschaftsführer" keineswegs überzeugte Nationalsozialisten waren, sondern eher Opportunisten, wie Grunenberg schreibt, waren sie nach 1945 zunächst politisch diskreditiert. Doch die Entnazifizierung und die Entflechtungsbemühungen der Alliierten brachten vielen Unternehmern, die vom NS-Regime profitiert hatten, nur temporäre Rückschläge. Die alten Netzwerke der Schwerindustrie blieben intakt und festigten sich sogar noch.

          Immer stärker blies aber der Wind des Wettbewerbs, den Erhard entfacht hatte. Er durchlüftete die ehemals in Kartellen organisierte Industrielandschaft an Rhein und Ruhr. Auf die Kohlekrise indes, die in den späten fünfziger Jahren begann, als das Erdöl preisgünstige Konkurrenz machte, hatten die Zechenherren jedoch keine Antwort. Die große Zeit der Montanindustrie war damit vorbei. Nicht die Politik, der Markt erzwang hier einen Wandel, der mit Subventionen allenfalls hinausgezögert werden konnte. In anderen Bereichen blühte die Deutschland AG, ein verfilztes Beteiligungsgeflecht zwischen Industrien und Banken. Grunenberg beschreibt höchst anschaulich, wie rastlose Manager vom Schlage eines Berthold Beitz oder Hans-Günther Sohl in der Stahlbranche gigantische Imperien schmiedeten. Sie taten dies mit einem allgemeinen Boom im Rücken, handelten jedoch auch strategisch besonders klug. Die von Grunenberg beschriebenen Netzwerke waren ihnen dabei behilflich. Damit der Leser bei der Vielzahl von Namen und Fakten den Überblick nicht verliert, ist Grunenbergs Buch mit einem lexikalischen Anhang mit Kurzbiographien von A wie Hermann Josef Abs (Deutsche Bank) bis Z wie Wilhelm Zangen (Mannesmann) versehen.

          Insgesamt zeichnet Grunenberg ein facettenreiches Bild der etwa zwei Dutzend herausragenden Unternehmer der frühen Bundesrepublik. Das Buch liest sich flüssig und spannend, zuweilen aber wird die Analyse ökonomischer Zusammenhänge durch allzu flotte Formulierungen überdeckt. Obwohl die Autorin die Bedeutung des von Erhard angestoßenen Strukturbruchs erkennt, mag der Fokus auf wenige "Wundertäter" und betriebliche Entscheidungen doch das Verständnis des Aufschwungs nach dem Krieg eher ablenken. Die fundamentale Ursache des angeblichen Wunders war nicht der Tatendrang einzelner markanter Persönlichkeiten, sondern lag im neuen wettbewerblichen System, das wirtschaftliche Energien auf breiter Front freisetzte.

          PHILIP PLICKERT

          Nina Grunenberg: Die Wundertäter. Netzwerke der deutschen Wirtschaft 1942 bis 1966. Siedler Verlag, München 2006, 319 Seiten, 22,95 Euro.

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