https://www.faz.net/-gqz-s0ps

: Lob des Kapitals

  • Aktualisiert am

Angesichts der Angriffe auf Neoliberalismus, Kapitalismus und "Heuschrecken" war seit langem ein literarischer Gegenschlag notwendig. Der entschieden liberale Publizist Roland Baader führt diesen Schlag mit großer rhetorischer Kraft, Einfachheit und Klarheit. Es ist dieses Buch nach all seinen anderen ...

          Angesichts der Angriffe auf Neoliberalismus, Kapitalismus und "Heuschrecken" war seit langem ein literarischer Gegenschlag notwendig. Der entschieden liberale Publizist Roland Baader führt diesen Schlag mit großer rhetorischer Kraft, Einfachheit und Klarheit. Es ist dieses Buch nach all seinen anderen gescheiten und engagierten Werken eine zusammenfassende Danksagung für all das, was wir "dem Kapital" schulden. Sie richtet sich besonders gegen jene frivolen Kritiker, die sich den Luxus erlauben, das zu kritisieren, was auch ihnen Wohlstand, Behagen und Freiheit sichert. Baader dreht hier den Spieß einmal um, indem er jene Ideologien und jene Politik schärfstens kritisiert, die munter damit beschäftigt sind, dasjenige nach und nach zu ruinieren oder einzuschränken, was an Kapital - die Summe von Sachmitteln, Erfolgsregeln des Handelns und unternehmerischer Gesinnung - unsere moderne Zivilisation geschaffen hat, jenen "kleptokratischen Wohlfahrts- und Allzuständigkeitsstaat" im besonderen. Keiner der Leitbegriffe unverständiger Kritik bleibt ungeschoren, beispielsweise der Begriff der "sozialen Gerechtigkeit", der für Baader gerade das Gegenteil von Gerechtigkeit ist, oder auch der sogenannten sozialen Rechte, die für Baader nur persönliche Wünsche sind, die sich gegen die legitimen Eigentumsrechte anderer wenden.

          "Wirtschaft verbindet, Politik trennt", schreibt Baader - Wirtschaft verbindet durch Globalisierung und Vernetzung im arbeitsteiligen Weltmarkt, Politik indes trennt durch Protektionismus und durch neidgetriebene Aufhetzung der Menschen gegeneinander, statt sie in solidarischer Verbundenheit durch gegenseitige Dienste zu sehen. Eine Politik, die sich vor allem dem Geschäft der Umverteilung - für Baader ist dies nur über fragwürdige Mehrheitsbeschlüsse legalisierter Raub - widmet, hat viele europäische Gesellschaften, auch die deutsche, an den Abgrund einer Staatsquote von rund 50 Prozent getrieben. Nebenbei: Wo ist hier Neoliberalismus zu erkennen? Doch nicht nur dieser Zugriff auf das Eigentum ist bestürzend, hinzugekommen ist eine in Friedenszeiten nie dagewesene Staatsverschuldung, beides ein Ausdruck des Kapitalverzehrs, des Vorboten von Unfreiheit, Zwang, Mangel und Not. "Alles, was in den Zuständigkeitsbereich der Politik fällt, wird knapper, schlechter und teurer", schreibt Baader. Und: "Je mehr Unternehmer einnehmen, desto wohlhabender werden wir alle; je mehr Minister einnehmen, desto ärmer werden wir alle." Wohlstand hängt vom Kapitalbestand je Kopf ab, von möglichst uneingeschränktem Eigentum.

          Nicht nur das Kapital ist in den letzten Jahren ausgehöhlt worden, es geschah dies auch mit den lebenswichtigen Werten einer bürgerlichen Gesellschaft, der Einstellung zum Sparen zum Beispiel, zum Fleiß, zur Disziplin, zur Selbstverantwortlichkeit und zu einer beständigen Familie. Besonders die Familie ist durch die Einrichtungen des Wohlfahrtsstaats ihrer einzigartigen Kraft als ursprünglichster Solidargemeinschaft beraubt worden. Sie ist heute ein Schatten ihrer selbst, sofern sie - im Zeichen der Null-Kinder-Partnerschaften auf Zeit - überhaupt noch entstehen kann.

          In Baaders scharfer Abrechnung mit den antikapitalistischen Kritikern und seiner plastischen Darstellung der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Ideale läßt sich freilich nicht genau sagen, wo bei ihm der Minimalstaat aufhört und das Reich der sich unpolitisch selbst regulierenden Märkte beginnt, die reine Privatrechtsgesellschaft. Aber besser doch diese Utopie eines entpolitisierten Lebens im "Nullstaat" als jene destruktive Ideologie, die die Basis unserer Zivilisation durch Unkenntnis und Leichtsinn untergräbt. Baaders markante Schlußsätze lauten: "Der Kapitalismus: das sind wir Menschen selber. Aber der Kapitalismus ist eine natürliche Ordnung. Nur im Kapitalismus können wir in Freiheit und Würde leben. Nirgendwo sonst. Dies gelingt uns aber nur, wenn wir ihn kennen, wenn wir wirklich wissen, was er ist - und was nicht. Nur dann können wir ihn verteidigen und damit uns selber vor Not und Knechtschaft bewahren. Eine entscheidende Bewährungsprobe könnte uns bald wieder bevorstehen. Ob wir wohl - wieder einmal - versagen werden?"

          GERD HABERMANN.

          Roland Baader: Das Kapital am Pranger. Ein Kompaß durch den politischen Begriffsnebel. Resch-Verlag, Gräfelfing 2005, 304 Seiten, 18 Euro.

          Weitere Themen

          Wer ist der Mensch hinter „Der Herr der Ringe“? Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Tolkien“ : Wer ist der Mensch hinter „Der Herr der Ringe“?

          Im Biopic „Tolkien“ erfährt der Zuschauer, woher der Schöpfer von „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ seine Ideen für die weltbekannten Mittelerde-Romane nahm. Tilman Spreckelsen hat den Film bereits gesehen – und ist nicht ganz überzeugt.

          Topmeldungen

          Mordfall Lübcke : Die Falle der AfD

          Die AfD ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Die Krokodilstränen über den Tod eines Repräsentanten des „Systems“, das sie aus den Angeln heben will, kann sie sich sparen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.