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: Keynesianische Kavallerie

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Im Ringen um Lohnprozente und um die richtigen Rezepte gegen Massenarbeitslosigkeit verlieren die Gewerkschaften zunehmend an Unterstützung. Während ihre Funktionäre die Fußtruppen für die Tarifauseinandersetzungen mobilisieren, springt ihnen die wissenschaftliche Kavallerie kaum noch zur Seite: ...

          Im Ringen um Lohnprozente und um die richtigen Rezepte gegen Massenarbeitslosigkeit verlieren die Gewerkschaften zunehmend an Unterstützung. Während ihre Funktionäre die Fußtruppen für die Tarifauseinandersetzungen mobilisieren, springt ihnen die wissenschaftliche Kavallerie kaum noch zur Seite: Die herrschende ökonomische Meinung, der "Mainstream", empfiehlt einmütig eine angebotsorientierte Politik. Diese sieht im Zusammenwirken von stabilitätsorientierter Geldpolitik, Haushaltskonsolidierung, Deregulierung am Arbeitsmarkt, Dezentralisierung der Tarifpolitik und zurückhaltenden Lohnabschlüssen die beste Basis für eine nachhaltige Beschäftigungsexpansion.

          Zu diesem als "neoliberal" gegeißelten "Mainstream" bieten Eckhard Hein, Arne Heise und Achim Truger eine aus der keynesianischen Gedankenwelt abgeleitete Alternative. Ihr Ansatz wird insbesondere im dazu eigens von den Gewerkschaften gegründeten Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in Düsseldorf vertreten. Hein ist dort Referatsleiter für allgemeine Wirtschaftspolitik, Truger für Steuer- und Finanzpolitik. Heise lehrt Finanzwissenschaften an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik, einer der Kaderschmieden der deutschen Gewerkschaften. Folglich stellt der von ihnen herausgegebene, 14 Einzelbeiträge umfassende Sammelband immer wieder auf die Bedeutung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage für Wachstum und Beschäftigung ab - und entläßt damit, durchaus beabsichtigt, die Gewerkschaften aus der Mitverantwortung für die Beschäftigungsmisere.

          Der wissenschaftliche Freispruch geschieht in mehreren Schritten: Zunächst gilt es die Behauptung eines Zusammenhangs - jedenfalls einen monokausalen - zwischen Lohnzurückhaltung und Beschäftigungsentwicklung zu entkräften. Diese Aufgabe übernimmt Dierk Hirschel, der Chefökonom des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Wie IMK-Direktor Gustav Horn und dessen Arbeitsmarktexpertin Camille Logeay zieht auch Hirschel das lohnpolitische Konzept des Sachverständigenrats in Zweifel.

          Die Kritik entzündet sich erstens an den Modellannahmen der Grenzproduktivitätstheorie (substitutionale Produktionsfunktion, vollständige Konkurrenz, rationales Verhalten und perfekte Voraussicht der Akteure). Zweitens wird dem Modell vorgeworfen, die Löhne nur als Kostenfaktor zu betrachten und ihre Einkommenseffekte völlig auszublenden. Drittens rügen alle drei Autoren den Abzug der sogenannten Entlassungsproduktivität vom Verteilungsspielraum. Die Löhne könnten dann ihre Funktion als "Produktivitätspeitsche" nicht mehr erfüllen. Auch müßte man den Gewerkschaften dann in Zeiten des Beschäftigungsaufbaus einen zusätzlichen Lohnaufschlag gestatten.

          Der zweite Schritt des Freispruchs betrifft die Institutionen des Arbeitsmarktes: den Kündigungsschutz, die Arbeitslosenversicherung, das System der Lohnfindung. Mit deren Verkrustung wird gemeinhin der Anstieg der inflationsneutralen Arbeitslosenquote (Nairu) begründet. Engelbert Stockhammer (Wirtschaftsuniversität Wien) kommt aber zu dem Schluß, daß solche strukturellen Rigiditäten nicht mehr zur Erklärung der Erwerbslosigkeit herangezogen werden können, wenn man in der Nairu zusätzliche Variablen wie Kapitalakkumulation und Hysteresis (den Anstieg der Arbeitslosigkeit nach einmaligen Schocks) berücksichtigt.

          Hat man diese beiden Prämissen akzeptiert, daß nämlich die Beschäftigungsmisere weder auf überzogene Tarifabschlüsse noch auf Arbeitsmarktregulierungen zurückgeführt werden kann, dann kann die Lösung des Problems nur in einer weniger zurückhaltenden Lohnpolitik liegen. Allerdings zeigen die Berliner Ökonomen Michael Heine, Hansjörg Herr und Cornelia Kaiser auch deren Grenzen auf: Für eine sozialpolitisch motivierte Umverteilungspolitik haben die Tarifparteien kein Mandat; das muß der Staat über Steuern und Transferleistungen bewerkstelligen. Den Verteilungsspielraum bestimmt allein die Summe aus Produktivitätsfortschritt und Zielinflationsrate.

          Den "Mainstream" wird das Buch nicht erschüttern. Zwar verweisen die Autoren zu Recht auf die Realitätsferne mancher Modellannahmen und damit auch auf die begrenzte Validität der Ergebnisse, die häufig als Gesetzmäßigkeiten mißverstanden werden. Doch begehen sie den gleichen Fehler, den sie dem "Mainstream" vorwerfen: Ist dieser auf dem Nachfrageauge blind, sind sie es auf dem Angebotsauge. Sie blenden nicht nur Fragen der Lohnstruktur, der unterschiedlichen Qualifikation der Arbeitnehmer und der Fehlanreize im sozialen Sicherungssystem völlig aus; ihr Blick bleibt auch auf die nationalen Grenzen beschränkt. Die Zwänge des internationalen Standortwettbewerbs werden ebensowenig erwähnt wie die Tatsache, daß Einkommenserhöhungen nicht zwangsläufig die Binnennachfrage stärken, sondern auch in den Konsum ausländischer Waren fließen können. Im übrigen dürfte - nach Billiardentransfers in die neuen Länder und einer ständig wachsenden Staatsverschuldung - längst der Beweis dafür erbracht sein, daß ein expansives öffentliches Ausgabengebaren kei-ne dauerhaften Beschäftigungswirkungen entfaltet. Kurzum: Die Gewerkschaften mögen weiter auf wissenschaftliche Schützenhilfe hoffen. Diese Kavallerie aber hat sich vergaloppiert.

          NICO FICKINGER.

          Eckhard Hein/Arne Heise/Achim Truger (Herausgeber): Löhne, Beschäftigung, Verteilung und Wachstum. Makroökonomische Analysen. Metropolis Verlag, Marburg 2005. 310 Seiten, 29,80 Euro.

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