https://www.faz.net/-gqz-s0oj

: Keine Einbahnstraße

  • Aktualisiert am

Bis in das späte 19. Jahrhundert waren Unternehmen in Europa zumeist Familienunternehmen, in denen die Eigentümer selbst die operative Führung wahrnahmen. Der Fabrikant war eben der Eigentümer, der es verstand, seine Ideen oder Erfindungen zu Geld zu machen. Erst die zweite industrielle Revolution ...

          3 Min.

          Bis in das späte 19. Jahrhundert waren Unternehmen in Europa zumeist Familienunternehmen, in denen die Eigentümer selbst die operative Führung wahrnahmen. Der Fabrikant war eben der Eigentümer, der es verstand, seine Ideen oder Erfindungen zu Geld zu machen. Erst die zweite industrielle Revolution mit dem Aufkommen der Eisenbahn- und Telegraphengesellschaften brachte die Geburtsstunde der Managerherrschaft. Unternehmensführung durch Angestellte und Unternehmenskontrolle durch die Eigentümer spalteten sich voneinander ab. Dies erwies sich später - zumindest für eine gewisse Zeit - als ein Segen für die Entwicklung des Kapitalismus. Nach Einschätzung des Unternehmenshistorikers Alfred Chandler wird die Eigentümerkontrolle (wobei die Verfügungsgewalt über das Unternehmen beim Eigner liegt) im Laufe der Zeit organisch von der Managerherrschaft abgelöst. Familienherrschaft sei auf Dauer nicht effizient; die eingeschränkten Finanzierungsmöglichkeiten wirkten zudem wachstumshemmend.

          In ihrer Absolutheit ist diese These allein schon empirisch falsch. Drei Viertel aller eingetragenen Firmen in den Industriestaaten sind auch heute noch Familienunternehmen. Dazu zählen, auch in Deutschland, längst nicht nur kleine und mittlere Unternehmen - die Namen Tengelmann, BMW (Quandt), Aldi und Bertelsmann (Mohn) dienen zum Beweis. Doch auch im engeren Sinn - wonach der Weg vom Familienunternehmen zur börsennotierten Aktiengesellschaft, einmal beschlossen, unumkehrbar sei - erweist sich Chandlers These als Fehlschluß. Der Wirtschaftshistoriker Harold James hat jetzt in vergleichender Absicht die Geschichte dreier Familienunternehmen in Europa untersucht, mit dem Ergebnis: Es gibt keine Einbahnstraße vom Familienunternehmen zur Publikumsgesellschaft.

          James' Beispiele heißen Haniel (Deutschland), Wendel (Frankreich) und Falck (Italien). Alle drei Familien datieren ihre industriellen Ursprünge zurück auf Eisenhütten im Rhein-Mosel-Becken im späten 18. Jahrhundert (die Wiege des "rheinischen Kapitalismus"). Alle drei Unternehmen existieren bis heute als Familienunternehmen.

          An Haniel kann James den Rückweg von der Publikumsgesellschaft zur Familie besonders eindrucksvoll vorführen. Die Gutehoffnungshütte (GHH), für die längste Zeit im 19. und 20. Jahrhundert das wichtigste "Asset" der Familie, blendete in der Selbstdarstellung ihrer Jubiläumsschriften und der strategischen Ausrichtung die Rolle der Familie nahezu komplett aus. Prägend dagegen waren Dynastien charismatischer und erfolgreicher Manager, die das Eigentum der Haniels (meist) zu deren Zufriedenheit mehrten und zugleich die Stahlerzeugung in Deutschland dem neuesten Stand der Technik anzupassen vermochten.

          Doch im Zuge eines neu entfachten Familiensinns nach dem Zweiten Weltkrieg brachten die Haniels ihr Erbe in eine Holding ein: die Franz Haniel & Cie, welche die Aufsicht über die Aktiengesellschaften der Familie übernahm. Die Wende zur Familie erklärt James auch als Reaktion auf besser entwickelte Kapitalmärkte. Weitsichtig trennte man sich in den sechziger und siebziger Jahren von der Gutehoffnungshütte und ging statt dessen erfolgreich Beteiligungen in großem Stil ein, beispielsweise an dem Handelsunternehmen Metro oder dem Pharmahändler Gehe (heute Celesio).

          Faktisch ist das traditionsreiche Unternehmen Haniel heute nichts anderes als ein gut organisiertes Private-Equity-Unternehmen, zu 100 Prozent im Besitz der etwa 500 Familienmitglieder, für welche der strikte Grundsatz gilt, niemals selbst im operativen Geschäft einer Beteiligung aktiv zu werden. Trotz unterschiedlicher politischer Rahmenbedingungen und institutioneller Voraussetzungen (beispielsweise im Erbrecht) verlief die Familiengeschichte der französischen Wendels jener der Haniels vergleichbar. Befreit vom klassischen Stahlgeschäft, führte der heutige Clanchef, Baron Ernest-Antoine Seillière, den Konzern zu einem breit engagierten Private-Equity-Unternehmen, verbunden mit einem vergleichsweise raschen Wechsel unterschiedlich erfolgreicher Beteiligungen.

          James' Studie, reich gesättigt mit historischem Detail und geschrieben mit langem Atem von Frankreich über Deutschland nach Italien über drei Jahrhunderte hinweg, ist zugleich nichts weniger als eine kurze Theorie des Kapitalismus. Ihr Kerngedanke: "Die DNA-Ketten halten die kapitalistische Wirtschaftsordnung zusammen, nicht etwa jene allegorischen Ketten, die zu sprengen Marx und Engels am Ende des Kommunistischen Manifests versprochen hatten." Dabei ist der gleichsam genetisch kodierte Wille, das Vermögen der Familien jenseits der Generationen zusammenzuhalten (immer wieder müssen auch die Witwen die Führung übernehmen), nicht an bestimmte Produkte oder Branchen gebunden. Im Gegenteil: Hätten die Familien am Stahlgeschäft festgehalten, wären sie dem Strukturwandel der Schwerindustrie in den sechziger und siebziger Jahren erlegen. Die häufig - gerade in Absetzung von Publikumsgesellschaften - beschworene Langfristorientierung einer Familie heißt nur: Es geht um die Mehrung des Vermögens - aber nicht, was töricht wäre, um die Erhaltung eines Geschäftsfeldes.

          RAINER HANK.

          Harold James: Familienunternehmen in Europa. Haniel, Wendel und Falck. Verlag C.H. Beck, München 2005, 400 Seiten, 29,90 Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Neue Abstandsregel : Der harte Kampf um jedes Windrad

          Der Protest der Deutschen gegen Windräder wächst, und der Ausbau ist beinahe zum Erliegen gekommen. Kann der Mindestabstand von 1000 Metern für mehr Frieden sorgen – oder wird nun alles noch schwieriger?

          Wahl der Parteivorsitzenden : Finale bei der SPD

          Jetzt geht es um Alles bei der SPD: Ab diesem Dienstag können die gut 420.000 Parteimitglieder über die neue Parteispitze abstimmen. An der ersten Runde hatten nur gut 50 Prozent teilgenommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.