https://www.faz.net/-gqz-x86i

: Kaiser Zhengtongs Tragik

  • Aktualisiert am

Kaiser Zhengtong ist eine tragische Figur der Weltgeschichte. Er wollte das Beste für sein Volk und trieb es doch in eine fast 500 Jahre andauernde Stagnation. Verteidigen kann sich der chinesische Herrscher nicht mehr, doch die Statistiken von Angus Maddison sind entlarvend. Der emeritierte Professor ...

          2 Min.

          Kaiser Zhengtong ist eine tragische Figur der Weltgeschichte. Er wollte das Beste für sein Volk und trieb es doch in eine fast 500 Jahre andauernde Stagnation. Verteidigen kann sich der chinesische Herrscher nicht mehr, doch die Statistiken von Angus Maddison sind entlarvend. Der emeritierte Professor aus Groningen beschäftigt sich seit langem mit makroökonomischen Zeitreihen.

          Ab dem Jahr 1 stellt er für alle Weltregionen Wirtschaftswachstum, Bevölkerungsentwicklung, Wettbewerbsfähigkeit und anderes dar. Die Vergleichbarkeit dieser Zahlen erreicht er, indem er einen "internationalen Dollar" (Basisjahr 1990) zugrunde legt. So beträgt der Wohlstand pro Kopf im Jahr 1 gerade 500 Dollar. Am besten geht es den Menschen in Oberitalien. Rom ist auf dem Gipfel seiner Macht. Fünf Jahrhunderte später schwindet dieser Einfluss. In Europa herrschen Krieg und Armut.

          Im Jahre 1000 beträgt der Wohlstand pro Kopf nur noch 400 Dollar. Bis sich dieses Niveau wieder auf den - nicht viel höheren - Wert von Christi Geburt einpendelt, vergehen erneut fünf Jahrhunderte. Erst dann besinnt sich Europa mit Renaissance und Aufklärung. Doch nun fällt Asien zurück: Indien erstickt am Kastenwesen, und Chinas Kaiser Zhengtong forciert die Abschottung von der Welt. Er - und seine Nachfolger - lassen aus Kostengründen die einzigartige Hochseeflotte des Landes verrotten.

          Maddisons Zahlen belegen, dass das Land erst Mitte des 20. Jahrhunderts wieder mit dem Westen aufschließen kann. Den Menschen in Nordamerika und Europa geht es inzwischen immer besser. Grund sind eine Rechtsordnung mit Wettbewerb und Eigentumsschutz. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges liegt der Wohlstand pro Kopf bei 1500 Dollar, heutzutage sind es - auch dank des weltweiten Handels - 6500 Dollar. Maddison begnügt sich nicht mit dem weltweiten Durchschnittswert. Gut geht es, wo sich die Menschen eine Marktwirtschaft erstritten haben.

          Weshalb aber gibt es auch hier immer noch Arme? Profitieren nur wenige Reiche, die den Durchschnitt nach oben verzerren? Diese Befürchtungen kann Maddison anhand Statistiken wie der Lebenserwartung zerstreuen. Er belegt: Die Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben breiter Schichten sind Wettbewerb und Recht. Ohne Wettbewerb und Recht würde noch heute jedes zweite kranke Kind sterben, fließendes Wasser wäre ein Traum und Internet nicht vorstellbar. Kein Globalisierungsgegner dürfte in das Mekka der "Zivilisationsaussteiger", nach Goa, fliegen, und vom Aufstand der tibetischen Mönche gegen chinesische Unterdrückung könnte keine Zeitung berichten.

          Und was geschieht bis 2030? Deutschland geht etwas die Puste aus. Breite Bevölkerungsschichten müssen Verzicht üben. Grund sind zu wenig Wettbewerb und ein starres Arbeitsrecht. China brummt, wird Wirtschaftsmacht Nummer eins, aber auch die Vereinigten Staaten behaupten sich eindrucksvoll. Nur diese beiden Länder könnten mit ihrem Einfluss - und ihrem Wohlstand - die Klimaveränderungen noch im Rahmen halten.

          JOCHEN ZENTHÖFER

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.