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: Indien im Aufwind

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Indiens Volkswirtschaft erlebt stetige und langsame Verbesserungen. Die absolute Armut nimmt jährlich um 1 Prozent ab, bei rund 300 Millionen Armen. Auch die Analphabetenquote schrumpft jährlich um 1 Prozent, und die Lebenserwartung steigt um 1 Prozent. Und dennoch könnte man den indischen Entwicklungspfad als eine konsistente Vernachlässigung vieler komparativer Kostenvorteile beschreiben.

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          Indiens Volkswirtschaft erlebt stetige und langsame Verbesserungen. Die absolute Armut nimmt jährlich um 1 Prozent ab, bei rund 300 Millionen Armen. Auch die Analphabetenquote schrumpft jährlich um 1 Prozent, und die Lebenserwartung steigt um 1 Prozent. Und dennoch könnte man den indischen Entwicklungspfad als eine konsistente Vernachlässigung vieler komparativer Kostenvorteile beschreiben. Der "Financial Times"-Korrespondent Edward Luce weist in seinem Buch darauf hin, dass Indien in den fünfziger und sechziger Jahren einen sozialistisch inspirierten Weg gewählt hat: mit Staatsbetrieben, Schwerindustrialisierung und Autarkie-Bestrebungen. Hauptprobleme des Landes waren lange die ungenügende Produktion von Nahrungsmitteln und die Devisenarmut. Das Nahrungsproblem wurde bis zu den achtziger Jahren durch die grüne Revolution, das Devisenproblem durch die Liberalisierung und Deregulierung in den neunziger Jahren gelöst.

          Nach Luce ist China zunächst dem Entwicklungsweg der westlichen Länder gefolgt: Erst gab es eine Reform der Landwirtschaft, dann industrielle Warenproduktion bei niedrigen Kosten, dann erst eine Steigerung der Wertschöpfung. Dagegen hat Indiens Aufstieg in der Informationstechnologie und in solchen Branchen begonnen, die kapital- oder humankapitalintensiv sind. Immer noch sind die Hektarerträge in Indien nur halb so hoch wie in China. Diese Art Wachstums hängt auch mit dem exzessiven Kündigungsschutz zusammen, der als Einstellungsbarriere wirkt. Luce verweist darauf, dass das nicht den Massen zugute kommt. Von rund einer halben Milliarde Arbeitskräften sind nur 7 Prozent im formellen oder organisierten Sektor beschäftigt, wobei der Staat und seine Betriebe 4 Prozent und die Privatwirtschaft 3 Prozent beschäftigen. Während in Indien nur 7 Millionen Menschen eine Stelle in Fabriken gefunden haben, sind es in China mehr als 100 Millionen.

          Nach Luce ist der indische Staat allgegenwärtig - er tut nur nicht das, was die Menschen und vor allem die Armen brauchen, obwohl fast alles mit den Bedürfnissen der Armen gerechtfertigt wird. Wenig qualifizierte Mitarbeiter können im öffentlichen Dienst bis zum Dreifachen dessen erhalten, was in der Privatwirtschaft üblich ist. Viele öffentliche Bedienstete, auch Lehrer, erscheinen oft nicht zum Dienst. Die Gerichte sind langsam und schieben 27 Millionen Fälle vor sich her, darunter auch Mordfälle, die mehr als zehn Jahre alt sind. Polizisten nehmen oft das "Recht" in eigene Hände und töten mutmaßliche Verbrecher "bei Zwischenfällen". Der Staat ist ineffizient und korrupt. Gegen jeden sechsten Parlamentarier gibt oder gab es ein Verfahren wegen krimineller Machenschaften. Subventionen für die Armen erreichen im Durchschnitt nur zu einem Drittel die beabsichtigten Empfänger. Im Fall von Nahrungsmittelsubventionen in besonders schlecht regierten Teilstaaten wie Bihar (mit einer ähnlichen Bevölkerungszahl wie Deutschland) sind es mitunter auch nur 20 Prozent.

          Im Gegensatz zu China, das in wenigen Jahren ergrauen wird, bleibt Indien noch Jahrzehnte eine junge Gesellschaft. Der arbeitsfähige Teil der Bevölkerung wird steigen und damit die potentielle Wachstumsrate. Dazu muss die marode Infrastruktur verbessert werden. Es müssen massenhaft Fabrikarbeitsplätze geschaffen werden. Es muss das Arbeitsrecht reformiert werden. Wie Luce betont, ist das bei 24-Parteien-Koalitionen schwierig, zumal viele Parteien nur an Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst für ihre Kastenangehörigen und Wähler interessiert sind. Zudem neigt die herrschende und privilegierte Klasse zur Selbstgefälligkeit.

          Das Buch enthält viele persönliche Erfahrungen. Es ist nicht chronologisch-historisch und kaum theoretisch-systematisch gegliedert. Vor allem in der Schilderung des Kastensystems haben sich zudem irritierende Fehler eingeschlichen. Im Kern ist das Buch aber trotzdem eine überzeugende Analyse der Politik und Ökonomie Indiens. Wer es bis zum Ende gelesen hat, versteht, warum es Indien schwerfällt, so schnell wie China zu wachsen.

          ERICH WEEDE

          Edward Luce: In Spite of the Gods. The Strange Rise of Modern India. Verlag Little and Brown, London 2006, 388 Seiten, 20 Pfund.

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