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: Greenspan war nicht schuld

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Die schockierendste Stelle in Hans-Werner Sinns Buch über die Krise steht auf Seite 171. Dort zitiert Sinn einen hochrangigen Vertreter der Banque de France: "Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, ein Finanzprodukt nur dann zu genehmigen, wenn es wenigstens einer von uns wirklich verstand. Diesen ...

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          Die schockierendste Stelle in Hans-Werner Sinns Buch über die Krise steht auf Seite 171. Dort zitiert Sinn einen hochrangigen Vertreter der Banque de France: "Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, ein Finanzprodukt nur dann zu genehmigen, wenn es wenigstens einer von uns wirklich verstand. Diesen Grundsatz konnten wir aber nicht durchhalten, denn wir mussten stets befürchten, dass es dann von den Briten oder den Deutschen genehmigt werden würde. Also haben wir die Augen zugedrückt und die Genehmigung erteilt."

          Der Titel "Kasino-Kapitalismus" trifft den Inhalt des Buches: Hier werden nicht Alan Greenspan oder Fannie Mae und Freddie Mac für die Krise hauptverantwortlich gemacht, sondern in erster Linie schwere Fehlentwicklungen im Finanzsystem, die von einer unzureichenden staatlichen Regulierung nicht erkannt oder toleriert wurden ("Laschheitswettbewerb").

          Im Zentrum der faktenreichen und klar gegliederten Analyse Sinns steht der bittere Fakt, dass die Verantwortlichen im Finanzsystem für ihr Tun kaum haftbar gemacht werden konnten: "Das Unglück brach über die Welt herein, weil sich der Bazillus der Haftungsbeschränkung von Amerika aus über die Welt verbreitet und die Finanzmärkte infiziert hat, ohne dass die Regulierungsbehörden Einhalt geboten haben. Banken, Hedge-Fonds, Zweckgesellschaften, Investmentfonds und Immobilienfinanzierer durften ihr Geschäft fast ohne Eigenkapital betreiben. Wer kein Eigenkapital hat, haftet nicht, und wer nicht haftet, zockt. Er sucht das Risiko, wo er es nur findet, weil er Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren kann." So wurden aus Bankern und Fondsmanagern "Glücksritter".

          Sinn behandelt das Haftungsthema durchaus differenziert. Er führt an, dass sich der moderne Kapitalismus ohne die Beschränkung von Haftung in Gestalt von Aktiengesellschaften, Kommanditgesellschaften oder Gesellschaften mit beschränkter Haftung nicht so dynamisch hätte entwickeln können, weil nicht von jedem Kapitalgeber erwartet werden kann, dass er mit seinem Gesamtvermögen für von Fremden betriebene Investitionsprojekte haftet.

          Zu den spannendsten Passagen gehört der Weg vom amerikanischen Immobilienkredit an einen zahlungsunfähigen Armen bis zum Kauf einer strukturierten Anleihe, in der sich unter anderem dieser Kredit befand, durch einen biederen deutschen Banker, der überhaupt nicht verstand, was er kaufte. Diese Geschichte ist zwar bekannt, aber Sinn präsentiert sie sehr eindrücklich von der Kreditvergabe in Amerika, wo häufig die Trickserei mit manipulierten Kaufverträgen begann, bis zum Verkauf der Papiere in Deutschland.

          Danach wurden Anleihen aus einer Vielzahl von Krediten gebastelt, deren Durchschnittsbonität einem Rating von vielleicht "BBB" entsprach. Diese Anleihen wurden dann von Investmentbankern in verschiedene Tranchen neu aufgeteilt - manchmal 25 Mal -, bis die Ratingagenturen 70 bis 80 Prozent der Tranchen mit dem begehrten "AAA" auszeichneten: "Die Endprodukte, die bei diesem Prozess herauskamen, konnte kein Mensch mehr verstehen. Es entstand eine Kaskade von ineinander verschachtelten Ansprüchen, die häufig nicht einmal der cleverste Investmentbanker durchschaute."

          Warum so viel von diesen Papieren in Deutschland landete, erklärt sich teils mit der Makroökonomie. Da die Amerikaner seit vielen Jahren über ihre Verhältnisse leben, sind Jahr für Jahr riesige Leistungsbilanzdefizite die Folge. Zur Finanzierung dieser Fehlbeträge müssen die Amerikaner jedes Jahr Wertpapiere im Betrag des Defizits ins Ausland drücken. Die wichtigsten Gläubiger sind Asiaten, aber die waren überwiegend so schlau, Staatsanleihen zu kaufen. In Deutschland, mit dem Amerika auch ein erhebliches Leistungsbilanzdefizit hat, gab es ein ineffizientes Banksystem mit Häusern ohne Geschäftsmodell, deren Vorstände ein großes Rad drehen und ordentlich Geld verdienen wollten. Sie waren willige Opfer für die Verkäufer der Papiere, Investmentbanken und Ratingagenturen, die daran eine goldene Nase verdienten.

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