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: Globalisierte Finanzmärkte

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Man kann zwei Dimensionen der Globalisierung unterscheiden: den weltweiten Freihandel und die Öffnung der Finanzmärkte. Die Fachleute sind in Bezug auf die positiven Auswirkungen der internationalen Arbeitsteilung und den Freihandel fast alle derselben Meinung: Globaler Freihandel trägt zum Wirtschaftswachstum bei.

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          Man kann zwei Dimensionen der Globalisierung unterscheiden: den weltweiten Freihandel und die Öffnung der Finanzmärkte. Die Fachleute sind in Bezug auf die positiven Auswirkungen der internationalen Arbeitsteilung und den Freihandel fast alle derselben Meinung: Globaler Freihandel trägt zum Wirtschaftswachstum bei. Die Auswirkungen der Globalisierung der Finanzmärkte aber sind umstritten. Nobelpreisträger wie Joseph Stiglitz oder einer der bedeutendsten akademischen Befürworter des freien Warenhandels, Jagdish Bhagwati, haben Bedenken angemeldet.

          Ist diese Skepsis gerechtfertigt? William Cline hat für das Peterson Institute for International Economics, eine private "Denkfabrik" für Themen aus der internationalen Wirtschaft mit Sitz in Washington, diese Frage analysiert. Sein Buch gliedert sich in vier Kapitel, wobei das erste keine herkömmliche Einleitung ist, sondern gleich einen Überblick über das ganze Buch gibt. Wer über wenig Zeit oder keine Kenntnisse der Verfahren der quantitativen Wirtschaftsforschung verfügt, erfährt im ersten Kapitel schon alle ökonomisch oder politisch wichtigen Schlussfolgerungen.

          Das zweite Kapitel ist ein Überblick über die ökonometrische Literatur, die im Wesentlichen aus international vergleichenden Regressionen besteht, bei denen Wachstum etwa durch das wirtschaftliche Ausgangsniveau, Investitionsraten, Humankapital, Freihandel und die (de jure oder de facto erfasste) Offenheit der Finanzmärkte erklärt wird. Hier geht es auch um Details der Spezifikation von Gleichungen, Kausalitätsfragen oder die Gewichtung einzelner Befunde in zusammenfassenden Metaanalysen.

          Das Ergebnis ist grundsätzlich eindeutig: Offene Finanzmärkte fördern das Wachstum. Das gilt für ausländische Direktinvestitionen wie für den Aktienkauf durch Ausländer. Nur bei kurzfristiger Auslandsverschuldung ist das Bild unklar. Es gibt wenig Studien dazu, die nach Cline aber nicht die vielfach erwarteten negativen Effekte aufgezeigt haben. Cline schätzt, dass offene Finanzmärkte vielleicht ein halbes, vielleicht aber sogar mehr als ein Prozent mehr Wirtschaftswachstum pro Jahr bringen können.

          Das dritte Kapitel setzt die Befunde aus dem zweiten voraus und fragt nach dem kumulativen Effekt der Offenheit der Kapitalmärkte ab dem Jahr 1970 für einzelne Länder. Für die Vereinigten Staaten von Amerika und für Deutschland läuft das nach Cline darauf hinaus, dass wir zwischen 9 und 23 Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts (2008) offenen Finanzmärkten verdanken könnten. Weil die Kapitalmärkte der Entwicklungsländer noch nicht so offen wie die der hoch entwickelten Länder sind, lassen sich dort noch nicht so dramatische Wachstumsgewinne aufzeigen.

          Cline hält die Offenheit der Finanzmärkte für genauso wichtig wie die der Warenmärkte. Nach einer kurzen Ursachenanalyse der Finanzmarktkrise wird im vierten Kapitel die Frage gestellt, ob offene Finanzmärkte in der Krise ein Nachteil waren. Mit dem Verweis darauf, dass krisenbedingte Einbrüche beim Wirtschaftswachstum oder auf den Aktienmärkten nicht mit dem Ausmaß der Offenheit der Finanzmärkte korrelierten, weist Cline diese These zurück. Außerdem sind die krisenbedingten Wachstumsverluste nicht groß genug gewesen, um die vorhergehenden positiven Wachstumsgewinne aufzuzehren.

          Die Kapitel 2 bis 4 des Buches sind fraglos nicht leicht lesbar. Aber das erste Kapitel informiert den aufmerksamen Leser über den aktuellen Stand der Wissenschaft. Wer es gelesen hat, wird auf die meist schlecht informierten Globalisierungskritiker nicht mehr hereinfallen.

          ERICH WEEDE.

          William R. Cline: Financial Globalization.

          Peterson Institute for International Economics, Washington 2010, 361 Seiten, 28,95 Dollar.

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