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: Finanzgeschichte light

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Dieses Buch hat Mut zu großen Thesen. Für den britischen Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson sind Finanzinnovationen vom Geld bis zu Derivaten entscheidende Motoren des Fortschritts. Sie ständen auf einer Stufe mit den großen technischen Erfindungen der Weltgeschichte. Der "Aufstieg des Geldes", ...

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          Dieses Buch hat Mut zu großen Thesen. Für den britischen Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson sind Finanzinnovationen vom Geld bis zu Derivaten entscheidende Motoren des Fortschritts. Sie ständen auf einer Stufe mit den großen technischen Erfindungen der Weltgeschichte. Der "Aufstieg des Geldes", das heißt des Finanzwesens, wurde zwar stets von Krisen unterbrochen, produziere jedoch auf lange Sicht Wohlstand. Länder ohne hochentwickelte Finanzsysteme bleiben arm, während reiche Länder Krisen trotzen, zumindest auf lange Sicht. Wie trostreich das für diejenigen ist, die kurzfristig betroffen sind, sei dahingestellt.

          Ferguson nimmt seine Leser auf eine atemberaubende Reise von der Antike bis zum April 2008. Eigentlich beginnt er in den norditalienischen Stadtstaaten des Mittelalters, jenen "großen Kreditlaboratorien", in denen das moderne Bankwesen entstand. In Riesenschritten eilt Ferguson durch die Weltgeschichte von den Inkas bis zu Alan Greenspan. Im 18. Jahrhundert stehen die Anfänge moderner Versicherungen und die Spekulationsblase der Mississippi-Kompanie im Vordergrund, im 19. Jahrhundert die Rothschilds und der Markt für Staatsanleihen. Die Industrialisierung sowie der Aufstieg der Aktienbanken und der Sparkassen scheinen dagegen irrelevant zu sein.

          Das 20. Jahrhundert wird eingehend behandelt, insbesondere die Vor- und Frühgeschichte der gegenwärtigen Finanzkrise. Dabei kritisiert Ferguson sehr luzide die verhängnisvolle Politik Washingtons, möglichst jeden Bürger zum Hausbesitzer zu machen. Der "Subprime"-Markt war politisch gewollt und wurde massiv gefördert. Daneben werden die Hedge-Fonds und ihre nobelpreisbekränzten, aber trügerischen Formeln ins Visier genommen. Die Deregulierungsideologie und das Versagen der Aufsichtsbehörden erwähnt Ferguson dagegen kaum, dafür aber ausführlich den Aufstieg Chinas, der ein gefährliches weltwirtschaftliches Ungleichgewicht schuf. Die freigebige Kreditvergabe Chinas ermöglichte es ferner der amerikanischen Zentralbank, mit billigem Geld die entstehende Blase weiter aufzupumpen. Beide Länder seien zudem in eine derartige ökonomische Abhängigkeit geraten, dass ein ernsthafter Konflikt die Weltwirtschaft in den Abgrund reißen könnte.

          Aufschlussreich ist die Beobachtung, dass sich Geld im Laufe der Geschichte zunehmend entmaterialisiert und virtualisiert hat. Auch in Zeiten des Goldstandards war Geld in erster Linie eine Gläubiger-Schuldner-Beziehung, die wesentlich auf dem Vertrauen in die Akzeptanz des Tauschmittels beziehungsweise die Begleichung aufgenommener Schulden beruhte. Der für den Handel unentbehrliche Wechsel war ein frühes Beispiel entmaterialisierten Geldes. Ohne die Abkopplung von der metallischen Basis des Geldes hätte das Geldmengenwachstum mit dem Bedarf expandierender Ökonomien schlechterdings nicht mithalten können.

          Heute ist die Virtualisierung noch weiter fortgeschritten, denn das Volumen elektronischen Geldes übersteigt dasjenige des gedruckten und geprägten Geldes um ein Vielfaches. Damit ist auch die Umlaufgeschwindigkeit gestiegen, die dem Takt von Mausklicks entspricht, aber auch die Unübersichtlichkeit und Anonymisierung.

          Man könnte ein anregendes Sachbuch loben, das ohne technischen Jargon zentrale Themen der Finanzgeschichte einem großen Publikum zugänglich macht. Allerdings sind auch populäre Sachbücher an ihrer Substanz zu messen. Das gleichzeitig als TV-Serie entstandene Buch vermischt nämlich auf ungute Art zwei unterschiedliche Genres. Es ist hastig geschrieben und hat seinen Charakter als TV-Skript behalten. Sämtliche Thesen werden kurz angerissen, aber niemals gründlich belegt. Die Darstellung ist sprunghaft und mit persönlichen Anekdoten und durchsichtigen Effekten garniert.

          Die ideengeschichtliche Dimension des Themas blendet Ferguson völlig aus. Geldtheorie und Ökonomie kommen praktisch nicht vor. Die Darstellung ist zwar angenehm allgemeinverständlich, gleitet aber zuweilen ins Melodramatische ab: "Hinter jeder großen historischen Erscheinung verbirgt sich ein finanzielles Geheimnis." Wie ein Magier entschlüsselt der Autor die Rätsel der Medici, um eine Seite später die Kredithaie in Glasgower Sozialsiedlungen vorzustellen. Wie unterhaltsam!

          So spannend manche Thesen auch sein mögen, so wenig vermögen sie zu überzeugen. Die an sich soliden Ausführungen zur gegenwärtigen Krise und der veränderten globalen Finanzarchitektur lassen eigentlich Schlimmstes ahnen und passen nicht zu der naiven Behauptung, dass alle Finanzinnovationen letztlich dem Fortschritt dienen. Wer solche optimistischen Botschaften verkündet, sollte sie mit Sachargumenten untermauern und nicht die Gegenposition stärken. Schließlich irritiert, wie zynisch das Buch Opfer von Finanzkrisen zum Kollateralschaden des Fortschritts degradiert.

          HARTMUT BERGHOFF

          Der Rezensent leitet das Deutsche Historische Institut in Washington und lehrt Wirtschaftsgeschichte an der Universität Göttingen.

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