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: Facetten eines Werks

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Friedrich August von Hayek (1899 bis 1992) gehört zu jenen liberalen Sozialwissenschaftlern, die vor der Finanzkrise nur noch von Spezialisten beachtet wurden, seit Beginn der Finanzkrise aber wieder mehr Aufmerksamkeit finden. Auf spielerische und amüsante Weise ist der (für diese Zwecke aufgebauschte) ...

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          Friedrich August von Hayek (1899 bis 1992) gehört zu jenen liberalen Sozialwissenschaftlern, die vor der Finanzkrise nur noch von Spezialisten beachtet wurden, seit Beginn der Finanzkrise aber wieder mehr Aufmerksamkeit finden. Auf spielerische und amüsante Weise ist der (für diese Zwecke aufgebauschte) Konflikt zwischen den Ideen Hayeks und John Maynard Keynes' in zwei häufig betrachteten Rap-Videos verarbeitet worden, die unter anderem auf www.youtube.com zu sehen sind. Zum anderen stößt Hayeks Mitte der vierziger Jahre für ein breites Publikum verfasste Schrift "Der Weg zur Knechtschaft" unter den Anhängern der amerikanischen Tea Party auf ein lebhaftes Interesse.

          Die Zeit erscheint günstig für ein in deutscher Sprache veröffentlichtes "Hayek Lesebuch", das zu einem akzeptablen Preis wichtige Originalarbeiten zusammenfasst. Als Herausgeber fungiert mit Victor Vanberg, dem ehemaligen Leiter des Freiburger Eucken-Instituts, ein ausgewiesener Kenner der Materie.

          Wer Hayek-Texte zusammenstellen will, steht vor der Frage: Welcher Hayek soll es sein? Denn Hayek hatte als Ökonom begonnen, sich dann aber später vor allem mit der Sozialphilosophie befasst. Vanberg hat sich im Interesse einer in sich geschlossenen Zusammenstellung ausschließlich für Arbeiten des Sozialphilosophen Hayek entschieden. Das ist ein nachvollziehbares Unterfangen, aber ein Käufer dieses Buches sollte wissen, dass er hierin gerade jene Aspekte des Werks Hayeks nicht findet, die in der aktuellen Lage am häufigsten diskutiert werden. Das ist zum einen die lange verschüttete Konjunkturtheorie des Österreichers, in der ein Zyklus von Boom und Krise durch eine zu lockere Geldpolitik ausgelöst wird, die ihrerseits Fehllenkungen von Kapital provoziert. Ebenfalls nicht enthalten ist Hayeks Vorschlag einer Entnationalisierung des Geldes durch die Zulassung privaten Währungswettbewerbs.

          Dafür wird ein Leser, der sich für Hayeks Sozialphilosophie interessiert, reich bedient. 15 Beiträge des Österreichers hat Vanberg in fünf Kapiteln gebündelt und mit einer präzisen Einleitung angereichert. Der Leser findet Klassiker wie "Die Theorie komplexer Phänomene", "Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren", "Die Irrtümer des Konstruktivismus" und "Die Anmaßung von Wissen" neben weniger bekannten, aber gleichwohl interessanten Arbeiten.

          Hayeks Zugang zu sozialwissenschaftlichen Themen dürfte heutigen Mainstream-Ökonomen ziemlich fremdartig erscheinen, aber vielleicht kann gerade diese Fremdartigkeit Neugierde bei Ökonomen wecken, denen die Modellschusterei der Neuzeit zu eng und zu realitätsfremd erscheint. Hayeks "zentrale Frage der Sozialwissenschaften" war, wie aus dem Zusammenwirken beschränkten Wissens, das verstreut in den Köpfen der Menschen besteht, eine zweckmäßige soziale Ordnung entstehen kann. Diese Frage ist aktuell geblieben.

          In Hayeks Welt dominieren Menschen, die nicht alles wissen und deren Vernunft Grenzen besitzt. Damit lehnt er nicht nur eine ökonomische Theorie ab, die sich an den Naturwissenschaften orientiert, sondern er steht allen Versuchen der Menschen kritisch gegenüber, in Überschätzung ihres bescheidenen Wissens Ordnungen selbst gestalten zu wollen. Stark von den Ideen der griechischen Antike und der schottischen Moralphilosophie des 18. Jahrhunderts beeinflusst, kritisiert Hayek den französischen Rationalismus in der Tradition von Descartes. Stattdessen beschwört er das Wirken evolutorischer Kräfte. Hayeks Sozialphilosophie ist offen für manche Kritik, aber wer kritisieren will, sollte sie zunächst studieren. Dies ermöglicht das gelungene "Hayek Lesebuch", das nicht mehr sein kann und will als ein Einstieg.

          GERALD BRAUNBERGER.

          Victor Vanberg (Hg.): Hayek Lesebuch.

          Mohr Siebeck (UTB), Stuttgart 2011. 365 Seiten, 16,90 Euro.

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