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: Europa als Vorbild?

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Steven Hill ist Direktor des "Political Reform Program" der New America Foundation. In seinem Buch vergleicht er Wirtschaft, Gesellschaft und Politik Europas und Amerikas. Wie Titel und Untertitel andeuten, schneidet Europa gut ab, während die Vereinigten Staaten kritisch beurteilt werden. Dabei verwendet Hill unübliche Begriffe.

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          Steven Hill ist Direktor des "Political Reform Program" der New America Foundation. In seinem Buch vergleicht er Wirtschaft, Gesellschaft und Politik Europas und Amerikas. Wie Titel und Untertitel andeuten, schneidet Europa gut ab, während die Vereinigten Staaten kritisch beurteilt werden. Dabei verwendet Hill unübliche Begriffe. Wo andere vom Wohlfahrtsstaat oder auch sozialer Marktwirtschaft reden, da verwendet er die Begriffe "workfare state" oder "social capitalism", vermutlich um zur Legitimation des europäischen Weges bei seinen amerikanischen Lesern beizutragen. Um einen Eindruck von der Vielfalt zu vermitteln, sollen hier die Themen der sieben Teile angegeben werden: Sozialkapitalismus, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Globalisierung, Pluralismus, Sozialvertrag, Überlebensfähigkeit Europas. Typische Quellen des Buches sind weniger wissenschaftliche Werke als vielmehr Zeitungsmeldungen.

          Nach Hill sind Wirtschaft und Gesellschaft in Europa einfach menschlicher, lebenswerter und letztlich auch effizienter als in den Vereinigten Staaten organisiert. Dabei sollte man sich nicht von in den Vereinigten Staaten gängigen, aber von Hill zurückgewiesenen Interpretationen der Unterschiede bei manchen Kennziffern irreführen lassen. Zwar ist das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens in Amerika vor 2008 lange besser als in Europa gewesen, aber in Anbetracht der besonders ungleichen Einkommensverteilung hatte die Masse der Amerikaner davon fast nichts. Nach Hill kommt Europa mit weniger Wachstum aus, wenn es darum geht, der Masse der Menschen bessere Lebensbedingungen zu bieten. Auch bei der Arbeitslosigkeit sieht Hill keine großen transatlantischen Unterschiede: Soweit es (vor 2008) Unterschiede zugunsten Amerikas gab, können die darauf zurückgeführt werden, dass die Amerikaner einen größeren Bevölkerungsanteil in Gefängnissen und Zuchthäusern inhaftieren. Bei den Häftlingen wäre das Risiko der Arbeitslosigkeit vermutlich sehr viel höher als beim Rest der Bevölkerung. Das ist zwar ein ungewöhnliches, aber kein unvernünftiges Argument.

          Selbst bei der Steuerbelastung kommt Hill zu dem Schluss, dass die Unterschiede nicht groß sind, wenn man alle Steuern (nicht nur die Bundesebene), alle Sozialabgaben und die privaten Zuzahlungen berücksichtigt, die Amerikaner etwa im Gesundheitswesen oder beim Universitätsbesuch leisten müssen. Hill leugnet zwar nicht, dass die nominale Abgabenbelastung in Amerika etwas unter der Europas liegt, aber die Amerikaner haben nichts davon, weil sie aus ihrem Nettoeinkommen viel mehr als die Europäer für ihre Gesundheit, ihre soziale Absicherung oder die Ausbildung ihrer Kinder bezahlen müssen.

          Hill bewundert gesetzliche Krankenkassen und öffentlich geregelte Gesundheitsfürsorge für alle in Europa, sichere und, verglichen mit Amerika, großzügige Renten, langfristig hilfreiche Arbeitslosenunterstützung, Betriebsräte und Mitbestimmung in Unternehmen, Schnellzüge, öffentlichen Nahverkehr, Radwege und Fußgängerzonen. Europa ist für Hill eine Insel der Seligen, wo Solidarität, Partizipation und Nachhaltigkeit herrschen. Nur im Ergrauen Europas und bei der Integration der Zuwanderer sieht er dramatische Herausforderungen. Hill sieht einen Zusammenhang zwischen den Vorzügen von Wirtschaft und Gesellschaft Europas beziehungsweise den Defekten Amerikas einerseits und den politischen Systemen. In Europa lobt er das weit verbreitete Verhältniswahlrecht, in Amerika beklagt er das Mehrheitswahlrecht und die Überrepräsentation konservativer, dünn besiedelter Staaten im Senat. Kurz: Hill hält Europa für demokratischer und weniger militaristisch.

          Wie kann man das Buch bewerten? Zwar unterlaufen Hill Fehler, aber die sind Randerscheinungen. Er argumentiert parteiisch, wenn er den dänischen Arbeitsmarkt lobt, aber die Jugendarbeitslosigkeit in den Mittelmeerländern (mit viel mehr Bevölkerung als Dänemark) vernachlässigt; wenn er die Überrepräsentation mancher Staaten im amerikanischen Senat beklagt, aber nichts zu denselben Erscheinungen im deutschen Bundesrat oder im Europäischen Parlament sagt. Sicher steht Hill Sozialdemokraten und Grünen näher als Konservativen oder Liberalen (im europäischen Sinne des Wortes). Aber den wenigsten Sozialdemokraten oder Grünen gelingt eine so überzeugende, auch Gegner seiner Auffassung zum Nachdenken zwingende Rechtfertigung des europäischen Weges.

          ERICH WEEDE

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