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: Eine Familie, zwei Firmen

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Unter dem Motto "One Family - two Companies" feierte die norddeutsche Reeder-Sippe Rickmers jüngst ihr 175 Jahre umfassendes Schifffahrts-Jubiläum - standesgemäß mit einem Empfang bei Bürgermeister Ole von Beust im Bankettsaal des Rathauses, einem Symposion über Wege aus der globalen Krise im feinen ...

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          Unter dem Motto "One Family - two Companies" feierte die norddeutsche Reeder-Sippe Rickmers jüngst ihr 175 Jahre umfassendes Schifffahrts-Jubiläum - standesgemäß mit einem Empfang bei Bürgermeister Ole von Beust im Bankettsaal des Rathauses, einem Symposion über Wege aus der globalen Krise im feinen "Hotel Atlantic" und einem Scheck von einer Million Euro an Jakob von Uexküll für den in Hamburg ansässigen Weltzukunftsrat.

          Den Geburtstag flankiert bis Januar 2010 eine Sonderausstellung im Bremerhavener Schifffahrtsmuseum, zu der der Hoffmann und Campe Verlag ein üppig bebildertes Buch mit der Familienchronik aufgelegt hat. Melanie Leonhard und Jörn Lindner, die soeben mit dem Thema an der Universität Hamburg "summa cum laude" promovierten, erzählen dort auf 320 Seiten "die historische Wahrheit" über das Unternehmen, dessen Familiennamen in der Geschäftswelt die Zeitläufte vom Segelfrachter über das Dampfschiff bis zum Container-Riesen überstand.

          Die wechselvolle maritime Erfolgsgeschichte von fünf Generationen begann im Juni 1834, als sich der 27 Jahre alte, aus Helgoland stammende Rickmer Clasen Rickmers in Bremerhaven mit einer kleinen Schiffsbauwerkstatt im eigenen Haus selbständig machte. Seine Werft und die wenige Jahre später gegründete Reederei wurden zum Fundament für alle späteren Aktivitäten. Schon früh diversifizierte Rickmers seine Geschäfte: Um die Schiffe der eigenen Reederei kontinuierlich auszulasten, kaufte er bald Waren auf eigene Rechnung.

          Vor allem der Handel mit Reis aus Südostasien erwies sich als einträglich, besonders als Rickmers das Produkt selbst in Bremen verarbeitete. Bei seinem Tod 1886 hinterließ der umtriebige Unternehmer seinen drei Söhnen nicht nur die größte Reismühle Europas, sondern einen weltweit agierenden Schifffahrts- und Handelskonzern.

          Die Söhne Andreas, Peter und Wilhelm konzentrierten sich auf den Einstieg in die Dampfschifffahrt, das Asiengeschäft und den Liniendienst. Dabei wurde China schon vor éinhundert Jahren zum Aktionsfeld der Sippe: 1901 richtete die Rickmers AG die erste Flussdampferlinie unter deutscher Flagge auf dem oberen Yangtse ein.

          Familiäre Differenzen, Kriege, Niedergang und Neubeginn bestimmten das wirtschaftliche Handeln im 20. Jahrhundert. Die Familienchronik verschweigt nicht die wirtschaftliche und ideologische Nähe der dritten Generation zum Nationalsozialismus. Firmenpatriarch Paul Henry Rickmers, Großvater der heutigen Namensträger, lieferte von 1941 bis 1945 14 Minensuchboote und Hilfsschiffe an die Kriegsmarine.

          Produziert wurden sie unter Einsatz von zeitweise bis zu 700 Zwangsarbeitern aus dem Osten. Die Arbeitsbedingungen waren menschenunwürdig: "Die Zwangsarbeiter erhielten zu wenig zu essen, nur unzureichende Kleidung und litten unter schlechten Wohnverhältnissen. Mindestens zehn Stunden Arbeit waren die Regel, um die Produktion überhaupt aufrechtzuerhalten." Einen Streikversuch der Arbeiter im Mai 1943 beendete ein Kommando der Stadtpolizei mit Hunden unter Knüppeleinsatz.

          Kein Grund, stolz zu sein. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg schienen alle Nöte vergessen und der Aufschwung unaufhaltsam - bis zur großen Schiffbaukrise: 1986 musste die Bremerhavener Rickmers-Werft einen spektakulären Konkurs anmelden. Mit der vierten Generation schien die Erfolgsstory zu Ende.

          Bertram und Erck Rickmers aus der fünften Generation mussten bei null beginnen. 1992 gründeten die Brüder das Emissionshaus Nordcapital, das Geld für Schiffsneubauten einsammelt. Vier Jahre später trennten sie sich wieder und gingen seitdem "mit viel Mut, Fleiß und Glück" eigene Wege: Bertram Rickmers hat sich auf den Transport von Stückgut-, Schwergut- und Projektladungen spezialisiert, sein elfeinhalb Jahre jüngerer Bruder Erck Rickmers auf Container- und inzwischen auch Offshore- und Bulk-Schifffahrt. Ihre beiden voneinander unabhängigen Unternehmensgruppen beschäftigen heute insgesamt 5000 Mitarbeiter auf dem Land und zur See. Die gemeinsame Schiffsmaklerfirma Harper Petersen verhindert familiäre Konkurrenz, indem sie von London aus die Frachtraten für die Reedereien der beiden Brüder aushandelt.

          Trotz der weltweiten Krise sehen Bertram und Erck Rickmers optimistisch in die Zukunft. Bei der Präsentation ihrer Familienchronik sprachen zwar auch sie von sinkenden Transportmengen und einer schwächeren Auslastung ihrer Schiffe. Doch ihre fahrende Flotte ist schuldenfrei und bis auf einige wenige Schiffe im Einsatz. Das Krisenmanagement beschränkt sich bislang auf ein paar verschobene Termine für Neubestellungen.

          Bertram Rickmers hält seine Schwergutschiffe für die Gewinner der anstehenden Infrastrukturinvestitionen in aller Welt. In China hat er weitere 14 Frachter für solche Transporte bestellt. Ruhig schlafen lässt ihn auch, dass die jeweils acht 13 000 TEU-Riesen-Containerschiffe, die er und sein Bruder Erck mit Blick auf den wachsenden globalen Konsum in den letzten Jahren geordert haben, bereits jetzt alle für das nächste Jahrzehnt und länger an große Linienreedereien verchartert sind.

          Erck Rickmers seinerseits setzt auf seine spezielle Offshore- und Bulk-Schiffahrt angesichts der künftigen Versorgung mit Öl und Gas. Allerdings rechnet er für weitere anderthalb bis zwei Jahre mit einem schwierigen Markt für die Schiffsbranche. Er selbst und sein Bruder aber hätten dafür genügend Atem. "Wir haben in den letzten Jahren gut verdient und Reserven für Dürrephasen angelegt. Wir werden auch diese Krise überstehen," sagt er. "Wir sind keine Schönwetterkapitäne".

          Gute Auspizien also für die kommende sechste Generation. Bertram und Erck Rickmers hoffen, dass ihr eigener Nachwuchs nicht wie sie selbst gewissermaßen "am Computer die Reset-Taste drücken muss, um die Rickmers-Schifffahrt nach einem Absturz neuerlich in Gang zu bringen."

          ULLA FÖLSING

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