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: Ein liberaler Leuchtturm

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Wilhelm Röpke (1899 bis 1966) gehört zu den Galionsfiguren der deutschen Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sein kompromissloses Eintreten für eine freiheitliche Ordnungspolitik, die jedem anmaßenden Totalitarismus trotzt, ist nicht nur eine bleibende Richtschnur wirtschaftswissenschaftlichen ...

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          Wilhelm Röpke (1899 bis 1966) gehört zu den Galionsfiguren der deutschen Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sein kompromissloses Eintreten für eine freiheitliche Ordnungspolitik, die jedem anmaßenden Totalitarismus trotzt, ist nicht nur eine bleibende Richtschnur wirtschaftswissenschaftlichen Denkens. Es zählt auch zu den wenigen Beispielen eines Gelehrtenlebens, das in den Debatten des politischen Alltagsgeschäfts Gewicht und Einfluss gewinnen konnte.

          Dem ersten Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard (CDU), dem Röpke von Anbeginn des deutschen "Wirtschaftswunders" als Ratgeber, aber auch Mahner zur Seite stand, galt er als "treuer und bewährter Freund". Der erste bundesdeutsche Kanzler Konrad Adenauer (CDU) nutzte bereits im Bundestagswahlkampf des Juni 1949 eine kleine Schrift des Wissenschaftlers für ein CDU-Flugblatt und fand auch später in Röpke immer wieder einen Unterstützer, aber nicht selten auch erzürnten Kritiker. Richtschnur hier und in allen anderen Fragen fand Röpke in seinen eigenen Überzeugungen und Überlegungen, nicht im politischen Zeitgeist. Es ist kaum vermessen, in Röpkes Worten und Schriften, vor allem aber auch in seiner beeindruckenden Persönlichkeit einen Hauptgrund darin zu sehen, dass sich Westdeutschland nach dem Krieg auf eine freie Marktwirtschaft verpflichtete, die "sozial" im besten Sinne des Wortes wirken sollte.

          Bevor Röpke aber in dieser Weise in der jungen Bundesrepublik wirken konnte, wurden auch bei ihm - wie bei vielen anderen seiner ordoliberalen Weggenossen - sein Lebensweg und seine akademische Karriere durch die dunklen Jahre der nationalsozialistischen Diktatur durchbrochen und in andere Bahnen gelenkt. Nach einer ersten Professur im Alter von knapp 25 Jahren an der Universität Jena und einem Ruf auf eine ordentliche Professur für Wirtschaftliche Staatswissenschaften nach Marburg im Jahr 1929 bremste Röpkes frühe und hellsichtige Kritik am aufkommenden Regime des "Dritten Reichs" auch seinen Weg auf der Karriereleiter. Die neue Politik deutete er als "alten Urwald" in einem zivilisierten Garten. Dies machte ihn in den Augen der NS-Schergen alsbald zur persona non grata. Röpke war gezwungen, Deutschland zu verlassen. Er emigrierte zunächst nach Istanbul, später dann nach Genf, wo er auch nach dem Krieg blieb. Röpke wurde so zu einem Begleiter der deutschen Politik - mit dem Herzen eines Inländers und dem nüchternen Verstand eines auswärtigen Beobachters.

          Dieses Leben "gegen die Brandung", wie Röpke es selbst betitelt hat, in einem gut lesbaren und inhaltsreichen Band beschrieben zu haben ist das Verdienst des Politikwissenschaftlers Hans Jörg Hennecke. Gestützt auf Archivmaterialien des Röpke-Neffen und langjährigen Kölner Ordinarius für Wirtschaftspolitik Hans Willgerodt, hat Hennecke ein facettenreiches und lebendiges Bild dieses ordnungsökonomischen Denkers gezeichnet. Leider jedoch kommt Hennecke in seiner Rückschau nicht über eine gelungene Hommage hinaus. Die Etablierung eines "liberalen Leuchtturms", um die es ihm vor allem zu gehen scheint, ist für den liberal denkenden Leser, der von Röpke weiß, gar nicht nötig. Durch das Gesamtwerk Röpkes zieht sich ein liberaler Humanismus, der in der Sorge um eine gute Gesellschaft freier Menschen für sich selbst spricht. Es fehlen hingegen dem Buch Henneckes eine Einordnung in den dogmengeschichtlichen Zusammenhang sowie eine kritische Würdigung aus heutiger Sicht.

          So klingt gerade Röpkes kulturpessimistischer Zug der fünfziger und sechziger Jahre, in dem er wieder und wieder die "Vermassung" der Gesellschaft beklagt, gegen die Röpke die geistige Elite einer nobilitatis naturalis setzt, heute einigermaßen weltfremd. So wichtig also die Wiederentdeckung der Gedanken Röpkes auch für die aktuelle Diskussion um die Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft ist und sosehr Henneckes Buch hier eine Fundgrube kluger Ausgangspunkte bietet - der Diskussion wäre besser gedient, wenn Röpke nicht nur selbst zu Wort gekommen wäre, sondern eine Gegenüberstellung mit anderen liberalen wie nichtliberalen Positionen und Weiterentwicklungen stattgefunden hätte. Denn auch für liberale Hirten gilt wohl das, was Röpke mit Blick auf seine eigenen Gegner geschrieben hat: "Resolutionen der Schafe für Vegetariertum haben gegenüber dem Wolf bisher nur wenig genützt."

          NILS GOLDSCHMIDT.

          Walter Eucken Institut, Freiburg.

          Hans Jörg Hennecke: Wilhelm Röpke. Ein Leben in der Brandung. Schäffer-Pöschel, Stuttgart 2006, 294 Seiten, 49,95 Euro.

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