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: Ein gemeinsames Lager

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Warum hat sich der Neoliberalismus gegen den Keynesianismus durchgesetzt? Welche Rolle spielten dabei Popper und Hayek - und warum haben diese ihre Differenzen heruntergespielt, statt sie zu klären? Das alles sind interessante Fragen, zu denen Jürgen Nordmann in seinem Buch "Der lange Marsch zum Neoliberalismus" nur leider keine überzeugende Antwort liefert.

          Warum hat sich der Neoliberalismus gegen den Keynesianismus durchgesetzt? Welche Rolle spielten dabei Popper und Hayek - und warum haben diese ihre Differenzen heruntergespielt, statt sie zu klären? Das alles sind interessante Fragen, zu denen Jürgen Nordmann in seinem Buch "Der lange Marsch zum Neoliberalismus" nur leider keine überzeugende Antwort liefert. Der Grund liegt wohl in der "Methodik der Politischen Soziologie" (soll heißen: Methode), die der Autor ausschließlich anwendet und die darin besteht, "die theoretischen Diskussionen an das sie bestimmende Umfeld und die jeweiligen politischen Koordinaten anzubinden".

          Der Neoliberalismus wird folglich weder dogmengeschichtlich noch begriffsanalytisch betrachtet, sondern als ideologisches Phänomen, das am "Vorabend der Wende in den 1970er Jahren" die Oberhand im heterogenen Lager des Liberalismus gewonnen habe. Um eine Begriffsklärung bemüht der Autor sich nicht. Er läßt aber durchblicken, welchem Begriffsverständnis er sich anzuschließen gedenkt, denn: "Im wesentlichen definieren inzwischen die Neoliberalismus-Kritiker, was unter Neoliberalismus zu verstehen ist."

          Vor diesem Hintergrund werden Popper und Hayek als opportunistische Strategen dargestellt, denen an der Vormachtstellung ihrer "neoliberalen" Ideologie gelegen war. Besonders Popper bekommt sein Fett weg. Er sei in seiner Autobiographie "schizophren", "verklärend" und "klitternd" gewesen. Er habe seine intellektuellen Quellen stets heruntergespielt, um seine Originalität in ein besseres Licht zu stellen. Er habe sich Hayek aus Dankbarkeit für dessen Karrierehilfe und erst dann angeschlossen, als er sich mit Rudolf Carnap und Otto Neurath zerstritten hatte und von ihnen keine Hilfe mehr in der akademischen Welt erwarten konnte. Hayek wiederum habe den kritischen Rationalismus, mit dem Popper den Marxismus als unwissenschaftlich ausgegrenzt und die "große Geschichtsphilosophie falsifiziert" habe, für seine "neoliberale" Ideologie gut gebrauchen können. "Der Wille, ein gemeinsames Lager zu bilden, überwog die grundsätzlichen Differenzen." So einfach ist das.

          Daß die Erkenntnis, die Korrektur von Irrtümern einen Einfluß auf das Schicksal von Theorien nehmen und Denker zur Änderung ihrer Auffassung bewegen könne, scheint dem Autor nicht diskussionswürdig. Auch andere Ausblendungen werfen Fragen auf: zum Beispiel warum der Autor einseitig die These verficht, der Kritische Rationalismus sei ein Verbündeter des "Neoliberalismus" in der Blütezeit der wohlfahrtsstaatlichen Programmatik gewesen, und die konträre Auffassung, Popper habe dem Wohlfahrtsstaat Schützenhilfe geleistet, nicht diskutiert. Dabei dürfte er diese kennen, da sie in seiner Literaturliste auftaucht (zum Beispiel in der Popper-Biographie von Gerard Radnitzky).

          Die Mont Pèlerin Society (MPS) nimmt in dem Buch einen großen Raum ein. Sie habe Hayek als Instrument der "neoliberalen" Verschwörung eingesetzt, meint der Autor. Mit Verschwörung meint er "eine Strategie zur Hegemoniegewinnung in Demokratien, die eine kleine Gruppe nichtgewählter, selbsterklärter ,Retter der Welt' fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit beschließt". Folgt man diesem Verschwörungsbegriff, dann können auch Kirchen, humanitäre Hilfswerke oder Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace, WWF, Oxfam und selbst Parteien letztlich als Verschwörungen interpretiert werden.

          Nordmanns Bild des Hayekschen Denkens kann, soweit es der Biographie Hans-Jörg Henneckes folgt, von vielen geteilt werden. Der Autor hat auch Archivmaterial herangezogen. Einige von ihm konstatierte Widersprüche in Poppers Stückwerktechnologie sind nicht neu, aber handfest. Alles in allem ist seine Mühe aber auf keinen fruchtbaren Boden gefallen, sondern nur auf einen links-ideologisch vorgedüngten Acker, auf dem nun recht merkwürdige Erkenntnispflänzchen blühen. Die Antwort auf die Ausgangsfrage, warum der "Neoliberalismus" in den siebziger Jahren die Hegemonie unter den Ideologien erringen konnte, fällt beim Autor letztlich hayekianisch aus: Das Ergebnis sei spontan entstanden, "unabsehbar und durch viele Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten begünstigt".

          HARDY BOUILLON.

          Centre for the New Europe, Brüssel.

          Jürgen Nordmann: Der lange Marsch zum Neoliberalismus. Vom Roten Wien zum freien Markt. Popper und Hayek im Diskurs. VSA-Verlag, Hamburg 2005, 400 Seiten, 34,80 Euro.

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