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: Die Wurzeln der Österreicher

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Amerikas "Tea Party"-Bewegung besitzt eine wichtige geistige Wurzel im Wiener Kaffeehaus. Die meisten der wütenden Bürger, die derzeit mit der "Tea Party" gegen zu viel Staatseinfluss kämpfen, wissen das wohl gar nicht. Ihre Vordenker, vor allem der libertäre Abgeordnete Ron Paul und sein Sohn Rand ...

          Amerikas "Tea Party"-Bewegung besitzt eine wichtige geistige Wurzel im Wiener Kaffeehaus. Die meisten der wütenden Bürger, die derzeit mit der "Tea Party" gegen zu viel Staatseinfluss kämpfen, wissen das wohl gar nicht. Ihre Vordenker, vor allem der libertäre Abgeordnete Ron Paul und sein Sohn Rand Paul, der soeben in den Senat gewählt wurde, sind aber bekennende "Österreicher" in dem Sinne, dass sie ihre radikal-marktwirtschaftlichen Positionen auf die großen Ökonomen Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek zurückführen. Nachdem Hayeks Streitschrift "The Road to Serfdom" von 1944 vor ein paar Wochen vom Fernsehmoderator Glenn Beck als Geheimtipp empfohlen wurde, ist sie in amerikanischen Buchläden wieder ein Bestseller.

          Ein überraschend großes wissenschaftliches Interesse an der Österreichischen Schule der Ökonomik gibt es in Japan. Die Hitotsubashi-Universität in Tokio hatte schon 1922 die rund 20 000 Bände umfassende Bibliothek von Carl Menger, dem Gründervater der Schule, gekauft und seither aufbewahrt. Vor sechs Jahren fand dort ein ideengeschichtlicher Kongress statt, aus dem der nun veröffentlichte Sammelband entstand. Er vereint 16 Aufsätze von japanischen, deutschen, österreichischen, amerikanischen und britischen Forschern, die sich den Ökonomen und Ideen der Österreichischen Schule und ihrem Umfeld kritisch-sympathisch widmen. Für Einsteiger ist der Band nicht gedacht, da er die Grundlagen als bekannt voraussetzt. Hilfreich wären doch als Einführung ein paar Sätze über die wichtigsten Beiträge der Österreicher gewesen, etwa Mengers Begründung der subjektiven Wertlehre und die Betonung der Grenzen des menschlichen Wissens durch Hayek, woraus dieser seine Warnung vor dem Versuch einer zentralen Planung der Wirtschaft ableitete.

          Die Aufsätze decken ein breites Spektrum ab: Herausgeber Yukihiro Ikeda fragt, wie konsequent und radikal Menger, der Lehrer des Kronprinzen Rudolf, wirklich wirtschaftsliberale Positionen vertrat. Menger erklärte Freiheit und Selbstverantwortung der Bürger zum Fundament der Entwicklung des Staates, befürwortete aber auch eine gewisse Regulierung (etwa zum Schutz von Wäldern) sowie Arbeiterschutzgesetze. Kiichiro Yagi diskutiert die Entwicklung von Mengers ökonomischem Menschenbild hin zu einer subjektiven Rationalitätsannahme. In mehreren Aufsätzen wird am Rande der berühmte Methodenstreit von 1883 zwischen Menger und dem dominierenden Kopf der deutschen Historischen Schule Gustav Schmoller gestreift. Die Österreicher vertraten dabei die Position, dass ökonomische Gesetze überzeitlich gelten, wogegen Schmoller auf statistisch-empirische Arbeiten schwor. Keith Tribe legt dar, wie Max Weber, der sich selbst zur "Historischen Schule" zählte, in seinen Vorlesungen auf die modernen österreichischen Lehrbücher zurückgriff. Ein weiterer Aufsatz behandelt Friedrich von Wieser, zu Eugen von Böhm-Bawerk fehlt hingegen ein eigener Aufsatz.

          In der Zwischenkriegszeit trocknete die Tradition der marktwirtschaftlichen Ökonomik an der Wiener Universität aus, so dass sich die begabten jungen Ökonomen aus Mises' Privatseminar zur Emigration entschlossen, als sich der Schatten des Nationalsozialismus über Österreich zu legen drohte. Harald Hagemann, der diese Emigrationsgeschichte erforscht hat, gibt zudem einen konzisen Überblick über die wichtigsten theoretischen Beiträge Mises' und Hayeks in der Geldtheorie, der Konjunkturtheorie und der Sozialismusdebatte sowie über Fritz Machlups Kapitaltheorie und Gottfried von Haberlers Außenhandelstheorie, auf der später Paul Krugman aufbaute - der freilich sonst die Österreicher meidet wie der Teufel das Weihwasser.

          In einem interessanten Beitrag zeichnet Hans-Jörg Klausinger nach, wie Hayek in den zwanziger Jahren zwar als Konjunkturforscher arbeitete, zugleich aber Vorbehalte gegen quantitative Prognosen hatte. Ob Hayek vor der 1929 ausgebrochenen Großen Depression tatsächlich gewarnt hat, wie es gelegentlich heißt, bezweifelt Klausinger. Zum Schluss diskutieren vier Autoren, darunter Hayeks letzter Assistent Kurt Leube, methodologische und epistemologische Fragen, die für die Österreicher stets eine große Rolle gespielt haben.

          Alles in allem dokumentiert der Band, dass die Österreichische Schule, die derzeit Amerikas Politik bewegt, auch als wissenschaftliches Forschungsfeld weiterhin fruchtbar ist.

          PHILIP PLICKERT

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