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: Die vier Kapitalismen

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Unternehmer werden in ökonomischen Theorien oft vernachlässigt. William Baumol, Robert E. Litan und Carl J. Schramm geht es nicht um die nur "replikativen" Unternehmer, sondern um diejenigen, die neue Produkte und Dienstleistungen anbieten oder die Produktionsprozesse so umgestalten, dass Güter ...

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          Unternehmer werden in ökonomischen Theorien oft vernachlässigt. William Baumol, Robert E. Litan und Carl J. Schramm geht es nicht um die nur "replikativen" Unternehmer, sondern um diejenigen, die neue Produkte und Dienstleistungen anbieten oder die Produktionsprozesse so umgestalten, dass Güter und Dienstleistungen zu wesentlich niedrigeren Preisen angeboten werden. Zumindest in den Wirtschaften, die sich an der technologischen Grenze bewegen, sind sie die entscheidenden Antriebskräfte für Wachstum und Wohlstand. Statt auf mehr Input kommt es auf deren produktivere Verwendung an. Damit unternehmerische Initiative blühen kann, sollten vier Bedingungen erfüllt sein:

          Erstens dürfen Unternehmensgründungen keine vermeidbaren Hindernisse in den Weg gelegt werden. Die administrativen Hürden dürfen nicht zu hoch sein. Bankrott und Neuanfang müssen möglich sein. Es muss Wagniskapital geben. Unternehmer müssen Mitarbeiter bei mangelndem Bedarf entlassen können. Zweitens muss unternehmerischer Erfolg belohnt werden. Der Rechtsstaat muss die Eigentumsrechte schützen, einschließlich der Patente, die Innovationsrenten ermöglichen. Obwohl die Autoren davon ausgehen, dass innovative Unternehmer nur einen Bruchteil ihrer Innovationserträge erhalten, obwohl sie eine gewisse Präferenz für mehr Konsum- und weniger Einkommensteuern äußern, empfehlen sie keine eindeutige Grenze der Steuerlasten für Unternehmer. Drittens sollten Verteilungskämpfe vermieden werden. Damit sind die Aktivitäten von Interessengruppen und Sammelklagen in erpresserischer Absicht gemeint. Viertens müssen auch erfolgreiche Unternehmen gezwungen werden, sich immer wieder dem Wettbewerb zu stellen. Dazu tragen Kartellgesetze und vor allem auch globaler Wettbewerb bei.

          Baumol, Litan und Schramm unterscheiden vier Arten des Kapitalismus, wobei es auf die Mischung ankommt, weil keine Volkswirtschaft vor allem aus jungen und innovativen Unternehmen bestehen kann. Beim oligarchischen Kapitalismus kontrollieren wenige Unternehmen mit dem Ziel der Verteidigung des Status quo große Teile der Volkswirtschaft. Oligarchischer Kapitalismus ist in Lateinamerika weit verbreitet. Beim staatsgelenkten Kapitalismus betreibt der Staat Industriepolitik mit dem Ziel, Wachstumsbranchen zu fördern. Der staatsgelenkte Kapitalismus war in asiatischen Volkswirtschaften mit Exportorientierung erfolgreich, in Indien bei Importsubstitution weniger. Der Kapitalismus der großen Unternehmen beruht oft auf historischen Leistungen, ist zur Ausbeutung von Skalenerträgen und zur Verbesserung von Produkten unverzichtbar. Er kann, aber muss nicht oligopolistisch sein. Er spielt in Kontinentaleuropa, Japan und auch den Vereinigten Staaten eine Rolle.

          Der unternehmerische Kapitalismus zeichnet sich durch viele junge, rasch wachsende und radikal innovative Unternehmen und schnellen Strukturwandel aus. Man findet ihn vor allem in Amerika, weniger in Kontinentaleuropa. Der unternehmerisch-innovative Kapitalismus ist für schnelles Produktivitätswachstum verantwortlich. Deshalb sind die vier obengenannten Voraussetzungen so wichtig.

          Wegen der politischen Machbarkeit befürworten die Autoren nicht den abrupten Übergang von einer Art des Kapitalismus zum andern, sondern eine schrittweise Strategie. In Kontinentaleuropa muss der Arbeitsmarkt freier werden. Notfalls sollte der Kündigungsschutz zunächst für junge Unternehmen gelockert werden. Baumol, Litan und Schramm befürchten allerdings, dass der Leidensdruck in Europa noch nicht stark genug für tatkräftige Reformen ist. Wer als Leser von den Argumenten der Autoren überzeugt worden ist, wird das Buch als "theoretisch" bewerten. Wer von Zweifeln geplagt wird, kann das Buch auch als "spekulativ" bezeichnen. Denn die Autoren geben zu, dass die vorhandenen Daten eine ökonometrische Überprüfung ihrer Hypothesen noch nicht erlauben.

          ERICH WEEDE

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