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: Die Sucht der Korruption

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Das Buch gibt einen gut geschriebenen Überblick über Groß-Korruptionsfälle deutscher Großunternehmen der letzten Zeit, allen voran Siemens (fast 80 Seiten). Das ist zwar, jedenfalls in groben Zügen, bekannt, beeindruckt, im Zusammenhang gelesen, aber doch wieder.Den Abschluss des Buches bildet ...

          Das Buch gibt einen gut geschriebenen Überblick über Groß-Korruptionsfälle deutscher Großunternehmen der letzten Zeit, allen voran Siemens (fast 80 Seiten). Das ist zwar, jedenfalls in groben Zügen, bekannt, beeindruckt, im Zusammenhang gelesen, aber doch wieder.

          Den Abschluss des Buches bildet eine auch für den interessierten Laien eingängige Zusammenfassung nötiger Reformen: Schutz von Hinweisgebern, Unabhängigkeit von Staatsanwälten, Verschärfung des Kartell- und Vergaberechts, Unternehmensstrafrecht und Maßnahmen zur Korruptionsverhinderung in Unternehmen. Hans Leyendecker, der als Journalist bei der "Süddeutschen Zeitung" arbeitet, übernimmt hier viel von dem vorzüglichen Münchener Vortrag von Gertrude Lübbe-Wolff (Die Durchsetzung moralischer Standards in einer globalisierten Wirtschaft, veröffentlicht 2003 bei Hanser), Gedanken, die er auf diese Weise einem breiten Publikum und hoffentlich auch vielen Politikern und Managern zugänglich macht.

          Doch die eigentliche Botschaft trägt nicht. Leyendecker behauptet, Korruption rechne sich nicht, weil sie dem Unternehmen letztlich mehr wirtschaftlichen Schaden zufüge, als es durch sie gewinnen könne. Der Satz "Profit und Ethik schließen einander aus" sei falsch. Mangelnde Ethik müssten Unternehmen in Form sinkender Gewinne bezahlen.

          Diese These steht im Widerspruch zum Untertitel des Buches, wonach die Wirtschaft eine neue Moral brauche. Doch nach Leyendecker geht es ja gerade nicht um Moral, sondern um bessere Einsicht in die mittel- und langfristigen ökonomischen Folgen von Korruption für das eigene Unternehmen.

          Viel grundlegender aber ist, dass die Beweisführung, mit der Leyendecker seine Botschaft begründet, einer Überprüfung nicht standhält. Er beruft sich vor allem auf Siemens, wo offenbar riesige korruptive Zahlungen für die Einwerbung von Aufträgen im Ausland an der Tagesordnung waren, die nun seit einem knappen Jahr allmählich aufgedeckt werden. Selbst für dieses Unternehmen stellt sich aber die Frage, ob der Schaden wirklich so groß ist, wie der Autor behauptet. Dafür gibt es einen Indikator: den Börsenwert.

          Die Siemens-Aktie ist - und das ist der zweite Einwand - seit dem Bekanntwerden der Ermittlungen im November 2006 aber nicht etwa gefallen, sondern gestiegen - in den vergangenen zwölf Monaten um rund 30 Prozent, ziemlich parallel zum Dax. Zwar drohen noch erhebliche Sanktionen, vor allem aus den Vereinigten Staaten. Sie dürften aber in der aktuellen Bewertung der Aktie in etwa bereits vorweggenommen sein, wie das die Börse eben so zu tun pflegt.

          Darüber hinaus stellt sich die weitere Frage, was mit den Tausenden anderen internationalen Unternehmen ist, deren korruptive Praktiken im Ausland nicht entdeckt werden. Für sie gilt - und das ist der dritte Einwand - Leyendeckers Satz "Ohne Moral kein Profit" offenbar erst recht nicht. Und bei Korruption ist das sogenannte Hellfeld bekanntlich nur ein winziger Ausschnitt, hinter dem sich ein riesiges Dunkelfeld von geschätzten 95 Prozent nicht entdeckter Korruptionsfälle verbirgt, wie Leyendecker selbst in Anlehnung an den Bundesgerichtshof bemerkt.

          Gewiss, es wäre besser, auch für die Unternehmen selbst, wenn alle einheitlich auf Korruption verzichten würden. Doch, wie uns die - dem Wirtschaftswissenschaftler vertraute - strenge Trennung zwischen kollektiver und individueller Rationalität lehrt, kann es für das einzelne Unternehmen durchaus profitabel sein, aus der Reihe zu tanzen. Und wie, wenn fast alle sich so verhalten?

          Aufgrund seiner "heroischen" These bekommt Leyendecker das eigentliche ethische Dilemma gar nicht in den Blick. Die Frage, wie das Spannungsverhältnis zwischen Moral und Gewinn - und ausbleibender Gewinn kann ja auch den Verlust von Arbeitsplätzen bedeuten - aufzulösen ist, stellt sich natürlich gar nicht, wenn zwischen beiden kein Widerspruch besteht. Wie aber, wenn es stimmen sollte, dass selbst der objektiv beste Anbieter Aufträge in bestimmten Ländern ohne ein "gewisses Schmieren" nicht akquirieren kann? Soll das Unternehmen dann seine Tätigkeit in solchen Ländern einstellen? Macht die Existenz eines solchen Dilemmas in der übergreifenden Wertung nicht doch einen Unterschied, auch wenn wir auf der Einhaltung der Gesetze bestehen müssen?

          Natürlich gilt es, den Kampf gegen Korruption zu verstärken, die noch fehlenden Regelungen einzuführen und die bestehenden wirksam zu vollziehen. Die Kosten entdeckter Korruption müssen möglichst hoch gesetzt werden, um den Abschreckungseffekt zu vergrößern, so dass Korruption sich am Ende nicht mehr lohnt. Bloß, es kann noch ziemlich lange dauern, bis wir dahin gelangen. Leyendecker verwechselt das Soll, das wir alle wünschen, mit dem tatsächlichen Ist. Zwar bekommt der Appell, Korruption zu unterlassen, mehr Gewicht, wenn man behauptet, sie sei nicht nur unmoralisch und gesetzeswidrig, sondern schade dem korrumpierenden Unternehmen auch wirtschaftlich. Darf man aber redlicherweise den erkenntnistheoretischen Fundamentalsatz außer Acht lassen, dass Norm und Wirklichkeit zweierlei sind?

          Die mangelhafte Bekämpfung von Korruption hat in Deutschland geradezu System: Wirksamere Gesetze müsste die Politik beschließen. Das würde aber auch auf sie selbst zurückschlagen. Bei der politischen Korruption ist das Fehlen wirksamer Gesetze und sind die Vollzugsdefizite bestehender Gesetze nämlich besonders krass. Bestimmte Formen gelten vielen immer noch als Kavaliersdelikt. Anregend ist der Hinweis des Autors, dass es bei unternehmensinternen Vorkehrungen zur Sicherung von Integrität nicht nur um die Einhaltung der Gesetze geht, sondern auch um moralische Standards. Sollte Gleiches sich nicht auch die Politik vornehmen? Warum plädieren wir nicht - entsprechend der Regierungskommission "Corporate Governance Kodex" - auch für die Einsetzung einer unabhängigen Kommission zur Erarbeitung eines "Good Governance Kodex" für die Politik?

          HANS HERBERT VON ARNIM

          (Deutsche Verwaltungshochschule Speyer)

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