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: Die sieben Steine eines Weisen

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Management ist Komplexitätsreduktion. In dieser Idee schwingen uralte Sehnsüchte nach Durchblick und Machbarkeit mit. Management-Rezepte nutzen deshalb oft die Ästhetik der schlichten, einfachen Zahl. Kein Vordenker käme auf die Idee, die dreiundvierzig Wahrheiten unübertreffbaren Managements zu propagieren.

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          Management ist Komplexitätsreduktion. In dieser Idee schwingen uralte Sehnsüchte nach Durchblick und Machbarkeit mit. Management-Rezepte nutzen deshalb oft die Ästhetik der schlichten, einfachen Zahl. Kein Vordenker käme auf die Idee, die dreiundvierzig Wahrheiten unübertreffbaren Managements zu propagieren. Schon die Zahl zehn überfordert regelmäßig das Publikum, zumal sie auch noch an Gebote erinnert. Die Vier wird hingegen gerne genommen, nicht zuletzt weil sie so schön in unsere Powerpoint-Kultur passt. Man denke an die vier Felder der Boston Consulting Group-Matrix. Die Zahl fünf ist schon eine Spur anspruchsvoller. Immerhin verdanken wir ihr den Erfolg der fünf Kräfte eines Michael Porter oder die fünf Kriterien der SMART-Regel. Die Sechs ist weniger beliebt. Wer kann, wählt gleich die magische Sieben. Assoziationen an die sieben Weltwunder oder den siebten Himmel lassen sich dabei gar nicht vermeiden.

          Jim Collins setzt hier an. In seinem Werk "Der Weg zu den Besten" (im englischen Original: "Good to Great: Why Some Companies Make the Leap and Others Don't") rief er sieben Management-Prinzipien für den Weg zur absoluten Spitze aus. Das Buch beruht auf Untersuchungen der Aktienkursentwicklung ausgewählter amerikanischer Firmen zwischen dem Beginn der siebziger und dem Ende der neunziger Jahre. Collins fiel auf, dass es eine Handvoll von Unternehmen offensichtlich schaffte, den Aktienmarkt insgesamt markant zu übertreffen und dieses Niveau auch noch mindestens 15 Jahre lang zu halten. Im März 2001 schloss Collins sein Manuskript ab, im Oktober 2001 gelangte das Buch in den Handel. Und nun, zehn Jahre und etliche Krisen später, ist es in deutscher Sprache erschienen - natürlich ohne die Börsendramen der Jahre 2001 und 2008. Hut ab also vor dem Mut des Verlages.

          Collins sieben Prinzipien, die in einer vergleichsweise wenig komplexen Epoche geboren wurden, müssen in der Tat überaus robust sein, wenn sie in unserer Zeit des "Morgen kann alles schon ganz anders sein" das halten sollen, was sie versprechen: überragenden und dauerhaften Unternehmenserfolg. Grund genug, um sie näher unter die Lupe zu nehmen. Das erste Prinzip lautet: Wer seinen Konkurrenten voraus sein will, braucht den richtigen Manager. Alle Spitzenunternehmen, die Collins herausfilterte, hatten Chefs, die zugleich bescheiden, energisch, einfühlend und ehrgeizig waren. Prinzip Nummer zwei geht so: Rekrutiere zunächst die richtigen Leute und kümmere dich dann erst um Vision, Strategie, Struktur - die Motivation kommt von selbst, auch ohne Vergütungssystem. Das dritte Prinzip fordert den Mut, auch härteste Tatsachen nicht zu umgehen. Das bedeutet Collins zufolge Führen durch Fragen und nicht durch Antworten. Das "Igel-Prinzip" ist das vierte. Der Igeltyp reduziere "komplexe Zusammenhänge auf eine einzige, zentrale Einsicht". Prinzip Nummer fünf dringt auf Disziplin, Prinzip sechs widmet sich der Technik, die nach Ansicht von Collins überschätzt wird. Wer ein Unternehmen an die Spitze führen wolle, sollte Spitzentechnik nicht als Ausgangspunkt einsetzen, sondern erst, wenn dem Laden zusätzlicher Schwung verliehen werden soll. Das Schwungrad dient Collins denn auch als Metapher für sein siebtes Prinzip. Transformation müsse in kleinen Schritten und nicht durch große Ankündigungen erfolgen. Er zieht die stille Evolution dem abrupten Wandel vor.

          Collins und seine Mitstreiter investierten über 10 Mannjahre Arbeitszeit in ihr Projekt. Herausgekommen ist ein Buch, das mit eng angelegten amerikanischen Scheuklappen geschrieben wurde und wieder einmal den ach so tollen Helden an der Spitze einiger vermeintlich überragender Unternehmen huldigt. Von den elf "Take-off"-Unternehmen, wie Collins die von ihm besprochenen Spitzenfirmen nennt, wurde Gillette inzwischen von Procter & Gamble übernommen, hofft Wells Fargo inbrünstig, sich aus dem Rettungsschirm der amerikanischen Regierung zu befreien, liegt Fannie Mae auf der Intensivstation und ging die Elektronik-Kette Circuit City vor zwei Jahren pleite.

          HEINZ K. STAHL.

          Jim Collins: Der Weg zu den Besten.

          Campus, Frankfurt am Main, 2011, 323 Seiten, 24,99 Euro

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