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: Die neue Blasenwelt

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Was die breite Öffentlichkeit als Fazit über die Ursachen der großen Krise gezogen hat - Schuld seien die Gier der Banker und ein Versagen des Marktes -, ist doch allzu simpel. "Es war nicht die Marktwirtschaft, die versagt hat, weshalb nun eine weitere Einmischung des Staates nötig wäre", schreibt Hans-Olaf Henkel in seinem neuen Buch.

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          Was die breite Öffentlichkeit als Fazit über die Ursachen der großen Krise gezogen hat - Schuld seien die Gier der Banker und ein Versagen des Marktes -, ist doch allzu simpel. "Es war nicht die Marktwirtschaft, die versagt hat, weshalb nun eine weitere Einmischung des Staates nötig wäre", schreibt Hans-Olaf Henkel in seinem neuen Buch. "Im Gegenteil, es war der Mangel an marktwirtschaftlichen Regeln, der das Desaster erst ermöglicht hat." Sein Buch "Die Abwracker" ist polemisch, eine anregende Lektüre und volkspädagogisch gelungen. In gut lesbarer Sprache, angereichert mit vielen persönlichen Beobachtungen und Anekdoten, zeigt der frühere Manager des amerikanischen Computerherstellers IBM und ehrenamtliche Präsident des deutschen Industrieverbands BDI, warum am Anfang der Krisen eben keine unregulierten, sondern politisch verzerrte Märkte standen.

          Spannend ist das Kapitel über den amerikanischen Immobilienmarkt, wo sich völlig mittellose Menschen mit hohen Krediten als Häuserkäufer betätigten, bis die Blase platzte. Am Anfang dieser Häuserblase sieht Henkel auch eine Mitschuld der linksliberalen "Gutmenschen" Jimmy Carter und Bill Clinton, in deren Präsidentschaften die politisch korrekte Antidiskriminierungs- und Minderheitenförderungspolitik auf den Bankensektor ausgedehnt und verschärft wurde. Niemandem sollte ein Kredit für ein Haus verweigert werden, auch wenn er keinerlei Sicherheiten vorzuweisen hatte. Das war reinste Sozialpolitik, doch mit fatalen Konsequenzen.

          Angeheizt wurde der Boom der "Subprime"-Hypotheken durch die Niedrigzinspolitik des Notenbankchefs Alan Greenspan, der zu seiner Zeit dafür gefeiert wurde. Henkel gibt offen zu, dass auch er zu lange die Fehlentwicklung der amerikanischen Wirtschaft nicht gesehen habe: "Ein Großteil des Reichtums, der die Welt blendete, wurde nicht erwirtschaftet, sondern mit künstlich verbilligtem Geld erkauft." Nun glaubt er keiner Statistik mehr. Er hält auch die Inflationszahlen für getürkt, die Greenspan für seine Geldpolitik heranzog.

          Von den Bankern hat er insgesamt keine hohe Meinung: Er hält ihnen Selbstüberschätzung, Sorglosigkeit, Vertrauensseligkeit und Risikounterschätzung vor, die dann in Panik umschlug. Den Buhmann der deutschen Öffentlichkeit, Josef Ackermann, lobt Henkel dagegen, weil der die Deutsche Bank ohne (direkte) Staatshilfen durch den Sturm führte. Hohn und Spott gießt er über die Landesbanker, die sich besonders viele amerikanische Schrottpapiere gekauft haben. Auch der SPD-Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen bekommt sein Fett weg, der das Hohelied der Verbriefungen gesungen hatte. Henkel gibt aber auch zu, dass er von einer Verstrickung in das Desaster der IKB-Bank wohl nur durch die "Gnade des frühen Ausscheidens" aus dem IKB-Aufsichtsrat bewahrt wurde. Sonst hätte er die außerbilanziellen Risiken wohl auch nicht wahrgenommen. In anderen Aufsichtsräten, etwa dem von Continental, hat Henkel die realwirtschaftliche Krise hautnah miterlebt. Die Merkwürdigkeiten der Übernahmeschlacht durch Schaeffler kommentiert er nüchtern und ausgewogen, nimmt besonders die öffentlich vielgeschmähte Maria-Elisabeth Schaeffler in Schutz.

          Am Schluss des Buches warnt Henkel vor drei neuen gefährlichen "Blasen": einer nur durch Subventionen ermöglichten "Beschäftigungsblase", einer "Sozialblase" sowie einer aus der Rettungsorgie resultierenden "Staatsschuldenblase". Vermeintlich gutmeinende Politiker seien die eigentlichen Abwracker des Landes, die seine Zukunft gefährden, meint Henkel. Den vielkritisierten Neoliberalismus hält er für ein Phantom. Stattdessen sieht er Anzeichen für "Neosozialismus", für Bevormundung durch "Gutmenschen" und eine kommende Staatswirtschaft. Es sind solche Positionen, die Henkel zu einer Reizfigur in der öffentlichen Debatte machen: Die einen hassen ihn, weil er unbeirrt an seinen wirtschaftsliberalen Ansichten festhält, die anderen bewundern seine klare Sprache.

          PHILIP PLICKERT

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