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: Die Milliarde der Armen

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Wenn es um die Ärmsten der Armen geht, ist Paul Collier ein gerngesehener Gesprächspartner. Seit über 30 Jahren widmet er sich den Problemen der Entwicklungsländer. Er stand der Forschungsabteilung der Weltbank vor, hatte eine Professur in Harvard und ist heute Direktor des "Centre for the Study of African Economies" an der Universität Oxford.

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          Wenn es um die Ärmsten der Armen geht, ist Paul Collier ein gerngesehener Gesprächspartner. Seit über 30 Jahren widmet er sich den Problemen der Entwicklungsländer. Er stand der Forschungsabteilung der Weltbank vor, hatte eine Professur in Harvard und ist heute Direktor des "Centre for the Study of African Economies" an der Universität Oxford. Seine Expertisen werden weltweit beachtet.

          Der Autor weist die weitverbreitete Annahme zurück, wonach der reichen Welt mit einer Milliarde Menschen die arme Welt mit fünf Milliarden Menschen gegenüberstehe. 80 Prozent dieser fünf Milliarden leben inzwischen in Ländern, die sich oft mit erstaunlicher Geschwindigkeit entwickeln. Ja, der Kapitalismus funktioniert auch hier. Tatsächlich befindet sich die globale Armut erstmals in der Geschichte auf dem Rückzug. Heute leben bereits fünf Milliarden Menschen "im Wohlstand oder sind auf dem Weg dorthin".

          Der Rest, die unterste Milliarde, bildet nach Collier die eigentliche Herausforderung der Entwicklungspolitik. Damit macht sich der Professor für Ökonomie nicht beliebt bei den zahlreichen Entwicklungsagenturen, die ihre Existenzberechtigung gerade aus der Zahl von fünf Milliarden Hilfsbedürftigen ziehen, um "überall zu sein - überall, nur nicht bei der untersten Milliarde". Dabei ist hier Gefahr im Verzuge: Diese Menschen (meist aus Afrika oder Zentralasien) haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 50 Jahren; sie leiden unter Seuchen, Bürgerkriegen und Analphabetismus; ihre Länder haben keinerlei Wirtschaftswachstum - und längst den Anschluss verpasst.

          Deshalb fragt der Verfasser, warum manche Staaten auf ihrem Stand verharren oder gar zurückfallen, während andere reüssieren. Seine Antwort offenbart Entwicklungsfallen, die Länder wie den Tschad oder die Demokratische Republik Kongo gefangen halten. Dazu gehört die Anfälligkeit für Bürgerkriege, die Collier interessanterweise weder auf ethnische Auseinandersetzungen (mit Ausnahme ethnischer Dominanz wie im Falle Ruandas) noch auf eine Mission zugunsten sozialer Gerechtigkeit zurückführt. Vielmehr betont er zum Leidwesen "westlicher Romantiker), dass geringes Wachstum, niedriges Einkommen und die Abhängigkeit von Primärgütern ein Land für Bürgerkriege empfänglich machen. Auch die Entdeckung wertvoller Rohstoffe (Ressourcenfalle) wirkt sich negativ aus, weil die Einnahmen meist nicht zur Wachstumsförderung genutzt werden.

          Collier erweist sich als Befürworter der Globalisierung. Zu Recht betont er, "dass die Globalisierung . . . der Mehrheit der Entwicklungsländer den Weg zum Wohlstand geebnet hat". Folgerichtig hält er Rückschritte im Globalisierungsprozess nicht für wünschenswert. Aber er erklärt auch, dass die Globalisierung den Ärmsten der Armen Probleme bereitet. So wird deren Exportdiversifizierung durch das Wachstum von Agglomerationen in Asien erschwert. Ihnen wird Kapital entzogen, und sie erleiden einen Aderlass an Fachkräften. Um den Entwicklungsfallen zu entkommen, betont der Autor, muss sich die unterste Milliarde zunächst selbst helfen. Gleichwohl bedürfen die Länder - in einem zweiten Schritt - unserer Unterstützung.

          Als ein wichtiges Instrument erachtet Collier nach wie vor die Entwicklungshilfe, aber sie muss zum richtigen Zeitpunkt und mit Bedacht eingesetzt werden. Sie unterliegt dem abnehmenden Ertragszuwachs; eine weitere Steigerung bewirkt also immer weniger. In der Frühphase einer Reform kann sie notwendige Einschnitte verhindern und kontraproduktiv wirken. Allerdings macht sie auch private Investitionen attraktiver und hilft, Kapital im Lande zu halten. In jedem Fall bedarf sie der Ergänzung, etwa durch militärische Intervention, wie der Autor meint. Damit dürfte sich Collier wenige Freunde machen. Wer plädiert schon für Entwicklungshilfe und zugleich für militärische Interventionen?

          Ob internationale Chartas tatsächlich einen Beitrag leisten können, die Lage der unteren Milliarde zu verbessern, steht dahin. Der Befürchtung, dass China zum lachenden Dritten würde, ist nicht von der Hand zu weisen. Überzeugender argumentiert Collier auf dem Feld der Handelspolitik, das von den "Nichtregierungsorganisationen am wenigsten verstanden wird". Diese treten für die Beibehaltung von Handelsschranken der ärmsten Länder ein und verkennen, dass sie dadurch Kriminellen erst Gelegenheiten zur Korruption eröffnen. Dem Verfasser ist auch zuzustimmen in dem Ziel, "der untersten Milliarde neue Exportmärkte zu erschließen", indem ihnen niedrigere Zölle gewährt werden. Inwiefern hier aber ein "Schutz vor den asiatischen Riesen" zum Tragen kommen sollte, bleibt offen.

          Statt in den Chor der Kritiker des Wirtschaftswachstums einzustimmen, zeigt Collier, wie wichtig es für die Entwicklung ist. Nicht zuletzt die Armen profitieren davon, denn "das zentrale Problem der untersten Milliarde ist ja gerade ihr fehlendes Wachstum. Ihm muss unsere Aufmerksamkeit gelten, und diesen Mangel zu beheben muss die wichtigste Herausforderung künftiger Entwicklungspolitik sein". Man könnte es einfacher haben, als sich ausgerechnet mit der untersten Milliarde zu beschäftigen. Aber Collier geht - im Fußball-Jargon gesprochen - gerade dorthin, "wo es weh tut".

          RALF ALTENHOF

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