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: Die Geschichte der Fed

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Keine Zentralbank der Welt steht so im Mittelpunkt der Öffentlichkeit wie die amerikanische Federal Reserve. Ihre Geschichte erforscht und beschreibt seit vielen Jahren Allan H. Meltzer von der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh. Meltzer, geboren im Jahre 1928, zählt seit Jahrzehnten zu den angesehensten monetären Ökonomen in Amerika.

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          Keine Zentralbank der Welt steht so im Mittelpunkt der Öffentlichkeit wie die amerikanische Federal Reserve. Ihre Geschichte erforscht und beschreibt seit vielen Jahren Allan H. Meltzer von der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh. Meltzer, geboren im Jahre 1928, zählt seit Jahrzehnten zu den angesehensten monetären Ökonomen in Amerika. Neben Milton Friedman und Karl Brunner war er einer der führenden Vertreter des Monetarismus.

          Den ersten Band seiner Monumentalgeschichte hat Meltzer 2003 vorgelegt. Das Buch umfasste die Jahre 1913 bis 1951 und damit unter anderem die Große Depression der dreißiger Jahre. Schon in diesem Werk gelangte Meltzer zu seiner grundsätzlichen Beurteilung der Fed: Ihre Führungen seien persönlich gewöhnlich integer gewesen; allerdings habe die Fed häufiger eine schlechte Geldpolitik als Folge politischer Pressionen oder falscher geldpolitischer Überzeugungen betrieben. Der Verfasser hatte Zugang zu internen Unterlagen der Fed und den Nachlässen mehrerer amerikanischer Präsidenten, von denen seine Darstellung sehr profitiert.

          Als kundiger Ökonom misst Meltzer die Politik der Fed vor allem an den dominierenden geldpolitischen Dogmen. So gelangte er zu dem Schluss, dass die Zentralbank in ihren ersten Jahrzehnten abwechselnd keiner oder einer falschen geldpolitischen Überzeugung anhing. Wie Milton Friedman und Anna Schwartz in ihrer berühmten Geldgeschichte der Vereinigten Staaten gelangte auch Meltzer alles in allem zu dem Schluss, dass die Fed in den frühen dreißiger Jahren eine expansivere Geldpolitik hätte betreiben müssen.

          Nun hat der Amerikaner den zweiten Teil seiner Arbeit vorgelegt. Er behandelt die Jahre 1951 bis 1986 und verteilt sich angesichts eines Umfangs von 1312 Seiten auf zwei Bände. Auch hier gelangt Meltzer zu dem Schluss, die Fed habe in der Zeit der zunehmenden Inflation von 1965 bis 1980 versagt, weil sie sich nicht an einem langfristig angelegten Stabilitätskonzept, sondern an kurzfristigen Überlegungen im keynesianischen Geist orientierte.

          Zu Beginn der fünfziger Jahre begann sich die Fed unter ihrem langjährigen Vorsitzenden William Martin neu zu orientieren. Martin beschnitt den bis dahin bedeutenden Einfluss der regionalen New Yorker Reservebank und stärkte das Gewicht der von der Regierung ernannten Führungsmitglieder in Washington. Die Wall Street hatte nun weniger zu melden, die Regierung freilich umso mehr. Martin verstand die Fed als "unabhängig innerhalb der Regierung". In der Praxis lief das darauf hinaus, dass man dem Finanzministerium die kurzfristige Konjunktursteuerung durch Schuldenaufnahme übertrug, die Fed aber darauf achtete, dass ihre Politik die Verschuldung nicht erschwerte. Bis in die Mitte der sechziger Jahre, als die Inflation niedrig blieb, bereitete diese Geldpolitik keine großen Probleme, aber im Zuge wachsender Inflationsraten wusste die Fed nicht mehr so genau, was sie tun sollte. Am größten sei die Abhängigkeit in den frühen siebziger Jahren zu Zeiten des Fed-Vorsitzenden Arthur Burns und Präsident Richard Nixons gewesen, schreibt Meltzer.

          Die siebziger Jahre waren in der akademischen Diskussion die Zeit, in der die bis dahin führenden Keynesianer von den Monetaristen zurückgedrängt wurden. Dies hatte durchaus Konsequenzen für die Geldpolitik, aber eher in Deutschland und der Schweiz, wo man sich monetaristischen Konzepten annäherte. Die Fed verweigerte sich monetaristischen Erkenntnissen, bis im Jahre 1979 Paul Volcker Vorsitzender der Zentralbank wurde. Die Inflationsrate war zweistellig, und nun bedurfte es einer radikaleren Politik.

          Meltzer erkennt Volckers Leistung in der Bekämpfung der Inflation an, auch wenn er konzediert, dass Volckers "pragmatischer Monetarismus" aus sehr viel Pragmatismus und wenig Monetarismus bestand. Seine beeindruckende und vorbildliche Schilderung der Geschichte der Fed endet im Jahr 1986, also unmittelbar vor dem Wechsel von Volcker zu Alan Greenspan. Die hochinteressanten und kontroversen Greenspan-Jahre muss nun ein anderer Gelehrter beschreiben.

          GERALD BRAUNBERGER.

          Allan H. Meltzer: A History of the Federal Reserve, Volume 2, 2 Bände.

          University of Chicago Press, Chicago 2010, 1312 Seiten, 150 Dollar

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