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: Die empathische Zivilisation

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Der Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin entwirft eine Vision der Zukunft der menschlichen Gesellschaft. Ausgehend von der These, dass die Menschheit sich aus Eigennutz und zur Lustmaximierung entwickelt hat, zeichnet der Autor ein Bild, in dem die Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ...

          Der Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin entwirft eine Vision der Zukunft der menschlichen Gesellschaft. Ausgehend von der These, dass die Menschheit sich aus Eigennutz und zur Lustmaximierung entwickelt hat, zeichnet der Autor ein Bild, in dem die Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, um zu empfinden, was der andere fühlen muss, im Mittelpunkt steht: die eigenen Gefühle kennen, um angemessen auf den anderen zu reagieren. In der Empathie sieht Rifkin die Zukunft für das Zusammenleben der Menschheit in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

          Um zu diesem Ergebnis zu kommen, holt er weit aus. Denn um eine neue Interpretation der Geschichte der Zivilisation zu zeichnen, räumt der Autor erst einmal mit der Vorstellung auf, dass der Mensch von Beginn an eine aggressive, materialistische und egoistische Natur besitzt. Warum aber wurde der Empathie bisher so wenig Aufmerksamkeit geschenkt? Rifkin bezieht sich zum einen auf neuste Forschungsergebnisse von Hirnforschern und Entwicklungspsychologen, zum anderen stellt er die These auf, dass das empathische Bewusstsein bis heute nicht in allen anthropologischen und historischen Gesichtspunkten untersucht worden ist. So habe sich das empathische Bewusstsein in den vergangenen 175 000 Jahren der Geschichte des Homo sapiens nur langsam entwickelt. Aber solange es auch gedauert hat, schließlich entsteht, zusammengefügt aus einer Vielzahl von Quellen wie Literatur, Kunst, Theologie, Philosophie, Anthropologie, Soziologie, Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft, ein neues soziales Zusammenleben: die emphatische Zivilisation. Diese erfordert grundlegend veränderte Denk-, Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle.

          Unterteilt in drei Hauptkapitel, wird der Verlauf der Menschheitsgeschichte analysiert, um zu der Vision des zukünftigen Zusammenlebens zu gelangen. In Teil I wird das neue Menschenbild, das sich in den Natur- und Geisteswissenschaften mit der Entdeckung des Homo empathicus befasst, betrachtet. In Teil II "Empathie und Zivilisation" untersucht Jeremy Rifkin die Wellen der empathischen Entwicklungen sowie die großen Bewusstseinsänderungen, die mit jeder neuen und komplexeren Zivilisation einhergingen. Auf diese Weise soll die Geschichte der Menschheit und die Bedeutung der menschlichen Zivilisation neu bewertet werden. In Teil III widmet er sich dem Zeitalter der Empathie. Dabei geht es um den vom Autor empfundenen gegenwärtigen Wettlauf zwischen einem globalen Empathiemaximum und der immer schneller werdenden Zerstörung der Biosphäre der Erde.

          Was hat diese Diskussion nun mit dem wirtschaftlichen Geschehen zu tun? Sehr viel! Denn im Rückblick auf die Menschheitsgeschichte wird gezeigt, dass ökonomisches Handeln das Zusammenleben seit je entscheidend beeinflusst hat. Immer wieder wird die Bedeutung des wirtschaftlichen Handelns für die Empathie herausgestellt. Rifkin beschreibt zum Beispiel, dass bereits im 6. Jahrhundert vor Christus in Indien und China ein empathisches Bewusstsein entstand. Aus Sorge über den Verlust traditioneller Werte, wachsender Gier der Kaufleute, einhergehend mit einem moralischen Verfall, wurde ein neuer Weg gesucht. Und als Drang nach freien Märkten bezeichnet der Autor die Entwicklung des Spätmittelalters in Europa. Galten bis dahin im Handwerk Zünfte, sorgten neue Technologien dafür, dass eine Kapitalistenklasse entstand, die ihr Handelsmodell in selbstregulierenden freien Märkten sah.

          Die von Rifkin aufgezählten Beispiele der Bedeutung der Ökonomie im Verlauf der Geschichte der Menschheit - und damit der Empathie - lassen sich ohne Unterbrechung fortsetzen. Im dritten Teil wendet sich der Autor der zweiten und - noch jungen - dritten industriellen Revolution zu, die einem "dezentralen Kapitalismus" den Weg bereitet. Seiner Auffassung nach tritt die zweite industrielle Revolution in eine Endphase, an der Schwelle neuer Kommunikationsmöglichkeiten, dezentralisierter Informationstechnologien bei gleichzeitiger Erschließung neuer dezentraler Energiequellen. Solcher Energien also, die jeder vor seiner Haustür findet. Die globale Wirtschaft habe ihren Scheitelpunkt erreicht, so dass die Menschheit ihren Platz auf der Erde grundlegend neu definieren müsse.

          Das Zeitalter der Empathie löst das Zeitalter der Vernunft ab. Die entscheidende Frage lautet für Rifkin: Wird die globale Empathie rechtzeitig erreicht, um den Zusammenbruch der Zivilisation zu verhindern und unseren Planeten zu retten? Die Notwendigkeit auf Interessen und Positionen anderer einzugehen, um die Probleme der Welt zu lösen, ist kein neuer Gedanke. Auch wenn der Autor nicht für all seine Behauptungen einen Nachweis erbringt, so ist es ihm gelungen, das Thema Menschenbild und Empathie von Grund auf aufzuarbeiten: Die Menschheitsgeschichte wird neu erzählt.

          INDIRA GURBAXANI

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