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: Der Staat als Bandit

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Wenn ein Mann wie der libertäre Wirtschaftstheoretiker und Philosoph aus Trier, Gerard Radnitzky, ein Freund Karl Poppers und Friedrich August von Hayeks, auf sein Leben zurückblickt, dann muß sich der Leser auf einiges an Zynismus gefasst machen. Seine Autobiographie, weitestgehend auf seine Jugend bis 1945 bezogen, ist die Biographie eines "politisch Unkorrekten".

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          Wenn ein Mann wie der libertäre Wirtschaftstheoretiker und Philosoph aus Trier, Gerard Radnitzky, ein Freund Karl Poppers und Friedrich August von Hayeks, auf sein Leben zurückblickt, dann muß sich der Leser auf einiges an Zynismus gefasst machen. Seine Autobiographie, weitestgehend auf seine Jugend bis 1945 bezogen, ist die Biographie eines "politisch Unkorrekten". Sie verbindet in spannender Art die Mikrogeschichte eines Lebens als "gelernter Heimatloser" aus Böhmen mit der Makrogeschichte der politischen Großereignisse des 20. Jahrhunderts, deren Zeuge und widerstrebendes "Objekt" Radnitzky wurde.

          Seine Einschätzung der weltpolitischen Möglichkeiten und Konstellationen in der Perspektive einer virtuellen Geschichte (das heißt im Hinblick auf die Frage, was auch hätte geschehen können) und seine Bewertung der handelnden politischen Figuren sind häufig überraschend. Namentlich Winston Churchill kommt außerordentlich schlecht weg. Überhaupt wird bei dem erzindividualistischen Skeptiker Radnitzky, der unlängst gestorben ist, eine außerordentlich negative Einschätzung von Staat und Politikertum deutlich. Den Staat akzeptiert er nur insoweit, als er die persönliche Freiheit, das private Eigentum und das Halten von Versprechungen sichert. Der Staat gilt ihm in anarchistischer Manier und in der von Mancur Olson geprägten Ausdrucksweise als "stationärer Bandit mit Diebstahlsmonopol", zudem als monopolistischer "Geldfälscher" einer von ihm manipulierten Papierwährung.

          Radnitzkys Einschätzung der Legitimität und Zweckmäßigkeit des Staates spiegelt sich auch in einem Lieblingszitat aus der Feder des philosophierenden Ökonomen Anthony de Jasay: "Der Staat ist etwas Aufgezwungenes, eine Zumutung, manchmal nützlich, manchmal ein Mühlstein, immer kostspielig, niemals legitim und - entgegen dem, was allgemein geglaubt wird - keine notwendige Bedingung für bindende Verträge." Namentlich in Deutschland hat ein Staatskritiker viel zu tun. Und so schreibt Radnitzky in pointierender Übertreibung: "In Deutschland ist alles verboten, was nicht erlaubt ist, und das Erlaubte ist Pflicht." Als ein "wunderbares Mittel gegen jede Form von Diktatur" empfiehlt er die Korruption.

          Radnitzkys Autobiographie ist durchzogen von allgemeinen lebensphilosophischen und erkenntnistheoretischen Weisheiten und gewürzt mit Bonmots, sie funkelt von Geist und Bosheit. Als "right-wing anarchist" hatte er eine Nische inne, die ihm in Deutschland wohl nur wenige streitig machten. Die Erinnerungen dieses kämpferischen Individualisten, Weltmanns und Gelehrten, der auch regelmäßig für diese Zeitung geschrieben hat, fordern einen Leser mit einem guten geistigen Verdauungsvermögen und Sinn für Sarkasmen. Man liest diese Reflexionen manchmal mit Widerspruch - aber immer mit Gewinn.

          GERD HABERMANN.

          Gerard Radnitzky: Das verdammte 20. Jahrhundert. Erinnerungen eines politisch Unkorrekten. Georg Olms Verlag, Hildesheim 2006. 354 Seiten, 19,80 Euro.

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