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: Der letzte Ritter des Liberalismus

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Für die kleine Schar seiner treuen Anhänger ist er nichts weniger als der bedeutendste Ökonom und Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts und eine der großen Gestalten der europäischen Geistesgeschichte. Für die Masse der Ökonomen ist er eine kaum noch wahrgenommene Figur der Vergangenheit weit abseits ...

          Für die kleine Schar seiner treuen Anhänger ist er nichts weniger als der bedeutendste Ökonom und Sozialphilosoph des 20. Jahrhunderts und eine der großen Gestalten der europäischen Geistesgeschichte. Für die Masse der Ökonomen ist er eine kaum noch wahrgenommene Figur der Vergangenheit weit abseits des Mainstreams, die mit ihrem Radikalismus dazu beigetragen hat, den ökonomischen Liberalismus zu marginalisieren und in eine Ecke zu stellen. Doch gleich, wie man ihn sieht: Ludwig Edler von Mises (1881 bis 1973) war ein bedeutender und kontroverser Mann, der in gut neun Jahrzehnten viel erlebte und sich damit für eine Biographie hervorragend eignet.

          Eine wirklich große Mises-Biographie liegt nun aus der Feder von Jörg Guido Hülsmann, eines noch jungen deutschen, an der Universität im französischen Angers lehrenden Ökonomen vor. Hülsmann hat rund zehn Jahre geforscht und schließlich ein mehr als 1100 Seiten und viele tausend Fußnoten umfassendes englischsprachiges Werk verfasst, das aber trotz seines Gewichts nicht überladen wirkt, sondern fesselnd zu erzählen weiß. Gut geschriebene Biographien von Ökonomen sind rar; umso mehr Beachtung verdient Hülsmanns großer Wurf.

          Von Mises wurde 1881 in Lemberg in eine angesehene jüdische Familie geboren, wuchs in Wien auf, wo er Jura und Ökonomie studierte und sich entschloss, das von Carl Menger begründete Erbe der liberalen österreichischen Schule der Ökonomie weiterzuführen. Von Mises diente im Ersten Weltkrieg, erlebte den Untergang des Habsburger-Reiches und die Fragilität der anschließenden Republik. Mitte der dreißiger Jahre wechselte er erst nach Genf und dann nach New York, wo er in bescheidenen Verhältnissen weiterforschte und lehrte und eine kleine Zahl überzeugter Schüler an sich band.

          Der Österreicher hat ein reiches Werk hinterlassen, aus dem drei Bücher wie Leuchttürme herausragen. In der 1912 erschienenen "Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel" gelang es ihm, die Geldtheorie mit der allgemeinen Theorie der Wirtschaft zu verbinden. In der 1922 veröffentlichten "Gemeinwirtschaft" zeigte der Österreicher, dass der Sozialismus wirtschaftlich scheitern muss, weil es ihm nicht möglich ist, erwartete Renditen alternativer Investitionsprojekte zu berechnen. Als Meisterwerk betrachten seine Anhänger dessen 1949 in Amerika erschienene "Human Action", die den Anspruch erhebt, eine allgemeine Theorie menschlichen Handelns zu liefern.

          Populär ist von Mises nicht geworden, und das lag sowohl an dem Mann als auch an seiner Lehre. Der Österreicher war ein stolzer Herr, nicht leicht zugänglich, gelegentlich im Umgang schneidend, gegenüber Andersdenkenden oft beleidigend und von der eminenten Bedeutung seiner Lehren überzeugt. So kam es, dass er nie eine ordentliche Professur an einer erstklassigen Universität erhielt, sondern viele Jahre in der Wiener Handelskammer arbeitete und seine ökonomischen Studien in der Freizeit betrieb. Als außerordentlicher Professor unterhielt er jedoch viele Jahre ein Privatseminar in Wien, in dem bedeutende Gelehrte wie Friedrich von Hayek oder Fritz Machlup heranreiften. Auch wenn die Jüngeren den Älteren verehrten - von Hayek verglich ihn einmal mit Denkern wie Voltaire und Montesquieu -, so betrachteten sie sich nicht als Mitglieder einer "Mises-Schule".

          Denn dafür war die Botschaft zu extrem. Von Mises stand mit der Art und Weise, wie damals (und heute) Ökonomie betrieben wurde, auf Kriegsfuß. Sein Motto lautete vereinfacht: "Denken, nicht rechnen." Er war der Auffassung, dass durchaus ökonomische Gesetze existieren, die aber nicht durch Beobachtung der Realität, sondern alleine durch Denken zu gewinnen seien. Damit stand er in schroffem Gegensatz sowohl zum Kritischen Rationalismus Karl Poppers als auch zum Positivismus Milton Friedmans, deren Methodologien die Ökonomie bis heute prägen. Der Umgang mit ökonomischen Daten, die notwendigerweise aus der Vergangenheit stammen, war für von Mises nur Wirtschaftsgeschichtsschreibung, aber nicht geeignet, Aussagen über die Zukunft zu treffen. Damit wurde er aus theoretischer Sicht zum Außenseiter.

          Aber auch die politische Botschaft stieß meist auf Ablehnung. Aus den durch Denken gewonnenen Gesetzen ließ sich nämlich nach von Mises' Ansicht ein Plädoyer für eine sehr reine Marktwirtschaft herleiten, in der dem Staat als Aufgabe fast nur die Sicherung privater Eigentumsrechte bleibt. Mit diesem Ansatz geriet er auch in Widerspruch zu gemäßigteren Neoliberalen wie von Hayek oder Friedman. Überliefert ist, wie von Mises auf einer Tagung der Mont-Pèlerin-Gesellschaft von Hayek, Friedman und anderen Liberalen ein wütendes "Ihr seid nichts als ein Haufen Sozialisten!" zurief und den Raum verließ. Den deutschen Ordoliberalimus um Walter Eucken betrachtete der Österreicher selbstverständlich auch als sozialistische Verirrung.

          Dass es sogar noch radikaler geht, zeigen die nicht zahlreichen, aber wohlorganisierten Nachfahren des Meisters, die unter anderem eine gut frequentierte Website betreiben (www.mises.org; deutsche Texte gibt es bei www.mises.de) und in Einzelfällen nicht mehr den Minimalstaat, sondern die Anarchie befürworten. So weit wäre von Mises niemals gegangen.

          GERALD BRAUNBERGER.

          Jörg Guido Hülsmann: Mises. The Last Knight of Liberalism. Ludwig von Mises Institute. Auburn 2007. 1143 Seiten. 50 Dollar

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