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: Der Friseur

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"Ich liebte meine Mutter über alles, obwohl sie mich für sieben schreckliche Jahre in ein Waisenhaus gab", schreibt der britische Prominenten-Friseur und weltweit erfolgreiche Unternehmer Vidal Sassoon am Beginn seiner Autobiografie. Seine alleinerziehende Mutter, wie der flüchtige Vater aus einer ...

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          "Ich liebte meine Mutter über alles, obwohl sie mich für sieben schreckliche Jahre in ein Waisenhaus gab", schreibt der britische Prominenten-Friseur und weltweit erfolgreiche Unternehmer Vidal Sassoon am Beginn seiner Autobiografie. Seine alleinerziehende Mutter, wie der flüchtige Vater aus einer sephardischen Familie stammend, handelte allerdings aus bitterster Not, als sie ihren im Jahre 1928 geborenen Sohn und dessen jüngeren Bruder in einem jüdischen Kinderheim im Londoner East End unterbrachte.

          Auch wenn Vidal dort sehr einsam war und ständig Hunger litt, hat er ihr den Schritt nicht verübelt: "Schließlich gab es im Waisenhaus ein Bad - ein seltener Luxus in dieser Zeit!" Der 14 Jahre alte Schulabgänger gehorchte auch, als ihn Betty Sassoon 1942 mitten im Krieg zu einem Friseur in Mayfair als "Shampoo-boy" in die Lehre schickte. Ihr Sprössling avancierte nach wenigen Jahren zum gesuchten Londoner Figaro: "Sie war sehr stolz auf meinen Erfolg, ließ mich aber nie vergessen, dass ich auf ihr Drängen hin zum erstklassigen Friseur geworden war."

          Im Jahre 1950 eröffnete der junge Mann ein erstes winziges Geschäft in der Bond Street, 1958 nur einen Steinwurf weiter seinen zweiten Salon in 171 New Bond Street. Der Laden existiert noch immer und wurde zur Keimzelle einer weltweiten Kette. Heute lebt der bald 83 Jahre alte Haar-Künstler als millionenschwerer Ex-Unternehmer abwechselnd in London und in Beverley Hills. Sein internationales Haar-Imperium mit Trainingszentren für Friseure und Heerscharen zahlungskräftiger Kunden in den Geschäften zwischen Boston und Osaka, Berlin, Frankfurt und München läuft weiter unter seinem Namen, auch wenn Sassoon selbst schon lange nichts mehr damit zu tun hat.

          Vidal Sassoons Credo "Wash and go" auf den Shampoo-Flaschen in vielen Badezimmern rund um den Globus ließ zusätzlich die Kasse klingeln. Schon in den frühen achtziger Jahren ging der alerte Friseur über den Konzern Procter&Gamble mit einer eigenen Produktlinie in Kaufhäuser und Drogeriemärkte. Als P&G andere Marken förderte, klagte Sassoon 2003 vor einem amerikanischen Bundesgericht, einigte sich aber im Vergleich. Zu welchem Preis, steht nicht im Buch.

          Im Jahre 2002 hat der amerikanische Friseurketten-Riese Regis Corporation aus Minneapolis 25 Sassoon-Salons und 4 Ausbildungsakademien gekauft. Der Meister selbst war darüber nicht glücklich, stellt aber heute mit Befriedigung fest, dass Regis klug genug war, "Sassoon Sasoon sein zu lassen". Damit überlebt seine revolutionäre Unternehmensphilosophie, nach der auch Haarschnitte durch handwerkliches Können und materialgerechte, funktionelle Gestaltung die künstlerischen Ideen des Bauhauses fortführen können.

          Sein Erweckungserlebnis hatte Vidal Sassoon im Jahre 1961, als er in New Yorks Park Avenue vor dem berühmten Seagram Building von Mies van der Rohe stand. Fortan orientierte er sich explizit am Bauhaus-Prinzip "Form folgt Funktion" und entwickelte Schnitte von nobler Einfachheit. Nach der Ära toupierter Dauerwellen waren seine exakt gezirkelten Frisuren mit dem Pony bis tief in die Augen und den schwingenden, oft asymmetrischen Seitenlängen, sauber gezackten Nackenlinien und spiegelnden, dunklen Haaroberflächen nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine technische Revolution.

          Die Frisuren sahen jung, schick und individuell aus, vor allem waren sie pflegeleicht. Denn sie ließen sich ohne viel Aufwand selbst waschen, föhnen oder sogar an der Luft trocknen. Das war Anfang der sechziger Jahre eine Sensation, die Frauen von lästigen Lockenwicklern, heißen Trockenhauben und zeitraubenden Friseurbesuchen befreite.

          Die neue Freiheit kam nicht von ungefähr: Es war die Zeit von "Swingin´ London", den Beatles und der Mini-Mode, deren Erfinderin Mary Quant passend zu ihren kurzen Röcken ab 1957 einen Sassoon-Bob trug und ihrem Friseur bis heute freundschaftlich verbunden blieb. Zusammen mit dem jungen Lebensgefühl aus Chelsea verbreitete sich der progressive Charme von Vidals munteren Pagenschnitten und frechen Pilzköpfen weit über London hinaus.

          Der ultimative Kick für seine Karriere kam, als er 1963 Nancy Kwan, der exquisiten Schönen aus dem Film "The World of Suzie Wong", das pechschwarze, hüftlange Haar zum klassischen Bob kürzte, der als Titelbild auf der nächsten "Vogue" rund um die Welt ging. Bald waren auch Jane Shrimpton und Twiggy seine Kundinnen, und er stutzte nicht nur Mia Farrow die Haare für Polanskis Film "Rosemaries Baby", sondern stylte auch Peter O'Tooles blonde Mähne für dessen Rolle als Lawrence von Arabien. Auf die Annehmlichkeiten des Sassoon-Damensalons mochte O´Toole von da an nicht mehr verzichten. Gut Freund blieb Sassoon bis heute auch mit anderer Prominenz - von Michael Caine über Steve McQueen bis zu Stella McCartney.

          Bekannt war Sassoons Interesse für Kunst und Architektur, weniger sein politisches und soziales Engagement: 1948 nahm er als Zwanzigjähriger am ersten Israelisch-Arabischen Krieg teil. Später gründete er diverse Stiftungen, unter anderem 1982 sein interdisziplinär forschendes "International Center for the Study of Antisemitism". Längst hat der gebürtige Brite die israelische Staatsangehörigkeit und seit 1994 einen Doktorhut für Philosophie von der Hebrew University in Jerusalem. Seit 2009 ist er auch Commander of the British Empire. Er staunt selbst darüber, dass er, der mit 14 Jahren die Schule beendete, es so weit gebracht hat.

          ULLA FÖLSING.

          Vidal Sassoon: Vidal. The Autobiography.

          Verlag Macmillan, London 2010, 357 Seiten, 20 Pfund

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