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: Das Hirn spielt Streiche

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Gesundes Selbstvertrauen kann man George Akerlof (Universität Berkeley) und Rachel Kranton (Duke-Universität) nicht absprechen. Der Nobelpreisträger und seine Schülerin legen ein kleines Büchlein vor, dessen Inhalt, ihrer Ansicht nach, die Grundlage ihrer Zunft verändern wird. Ein paar Seiten These, einige Anwendungsbeispiele, dann Auswirkungen auf die Praxis.

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          Gesundes Selbstvertrauen kann man George Akerlof (Universität Berkeley) und Rachel Kranton (Duke-Universität) nicht absprechen. Der Nobelpreisträger und seine Schülerin legen ein kleines Büchlein vor, dessen Inhalt, ihrer Ansicht nach, die Grundlage ihrer Zunft verändern wird. Ein paar Seiten These, einige Anwendungsbeispiele, dann Auswirkungen auf die Praxis. "Wir folgen der Flugbahn der letzten 50 Jahre und bringen die Wirtschaftswissenschaft der Realität näher. Wir verändern die Wirtschaftswissenschaft, indem wir das wirtschaftliche und soziale Leben genau beobachten und die bestehende Theorie entsprechend transformieren", heißt es im Kapitel "Unser Platz in der heutigen Wirtschaftswissenschaft". Die Einordnung ihrer eigenen Theorie in das Große und Ganze beginnt schon auf Seite 33.

          Und vermutlich haben sie recht. Schauen wir zurück: Vor 90 Jahren befassten sich die meisten wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchungen mit nur zwei Marktstrukturen: dem absoluten Wettbewerb oder dem Monopol. Außerdem ging man davon aus, dass alle Marktteilnehmer über die gleichen Informationen verfügen. Im Laufe der Zeit erkannte man, dass diese Voraussetzungen realitätsfern sind. So entwickelten sich Spieltheorie und Verhaltensökonomie. Schließlich trugen die Arbeiten von Gary Becker (Universität Chicago) dazu bei, dass Ökonomen auch soziale Probleme beobachten.

          Dazu gehören Phänomene wie Diskriminierung. Erstaunlicherweise gibt es Menschen, die ihren Nutzen oder den Nutzen ihres Unternehmens nicht maximieren - beispielsweise ein Gesellschafter, der die geeignetste Kandidatin für den Vorstandssessel ablehnt, weil sie eine Frau ist und dadurch den wirtschaftlichen Abstieg seiner Firma in Kauf nimmt. Handelt dieser Gesellschafter wie ein "Homo Oeconomicus"?

          Die Präferenzen von Menschen liegen ersichtlich nicht immer bei einer "objektiven" Nutzenmaximierung. Der Zürcher Volkswirt Ernst Fehr hat erst jüngst auf der Tagung des Vereins für Socialpolitik einen Großangriff auf den "Homo oeconomicus" gestartet (F.A.Z. vom 12. September 2011). Fehr ist überzeugt, dass menschliches Verhalten oft mehr von Zufällen und Stimmungsschwankungen als von rationalem Abwägen abhängt. Weil ihnen das Hirn einen Streich spielt, tun Menschen manchmal Dinge, die ihnen gar nicht nutzen.

          Akerlof und Kranton gehen noch weiter: Präferenzen können je nach sozialem Kontext unterschiedlich ausgeprägt sein. So hängt es vom sozialen Kontext ab, was jemand als fair empfindet: "In Indien behandeln die hohen Kasten die niederen nicht als gleichgestellt. In Ruanda behandelten Tutsi und Hutu einander nicht als ebenbürtig. In vielen Ländern sind selbst heute noch Frauen und Mädchen körperlicher Gewalt ausgesetzt; sie dürfen nicht zur Schule gehen oder das Haus verlassen. All diese Beispiele haben eins gemeinsam: Sie haben etwas mit der Identität der Beteiligten zu tun. Die Normen, die unser Verhalten bestimmen, hängen von unserer Position in einem bestimmten sozialen Kontext ab." Der soziale Kontext stiftet die Identität. Und die Identität leitet den Menschen, der sich so immer deutlicher vom klassischen "Homo oeconomicus" entfernt. Das ist keine Überraschung. Je weiter man sich einem Akteursmodell entfernt und sich tatsächlichen Menschen annähert, desto deutlicher tritt Individualität zutage.

          Akerlof und Kranton werden praktisch: Bonuszahlungen in Unternehmen sind kontraproduktiv. Sie verhindern, dass Beschäftigte zu "Insidern" werden, die die gleichen Ziele wie die Organisation entwickeln. "Wenn ein Mitarbeiter nur finanziell entlohnt wird und nur wirtschaftliche Ziele hat, wird er das System melken, weil er ungestraft davonkommt." Wer eine Zusatzvergütung erwarten kann, identifiziert sich mehr mit dieser und weniger mit der langfristigen Gesundung des Unternehmens. Das ist allerdings auch keine ganz neue Erkenntnis. Verschiedene Studien der letzten Jahre zeigen, dass Bonuszahlungen nach Umsatzzielen destruktiv sein können. Die Identitätsökonomie ist nicht revolutionär. Sie ist ein weiterer Pfeil gegen die klassische Lehre vom "Homo Oeconomicus" - freilich ein Pfeil, der Beachtung findet, wegen der Identität ihrer Verfasser.

          JOCHEN ZENTHÖFER.

          George Akerlof/ Rachel Kranton: Identity Economics.

          Carl Hanser Verlag. München 2011. 208 Seiten. 19,90 Euro

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