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: China und Indien im Aufwind

  • Aktualisiert am

Pranab Bardhan vertritt das Fach Volkswirtschaftslehre an der Universität von Kalifornien in Berkeley. In seinem Buch setzt er sich kritisch mit der üblichen Erklärung für den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas und Indiens auseinander. Gleich im ersten Kapitel fasst er die übliche, teilweise richtige, aber ...

          Pranab Bardhan vertritt das Fach Volkswirtschaftslehre an der Universität von Kalifornien in Berkeley. In seinem Buch setzt er sich kritisch mit der üblichen Erklärung für den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas und Indiens auseinander. Gleich im ersten Kapitel fasst er die übliche, teilweise richtige, aber vereinfachte Sicht so zusammen: Sozialismus und Überregulierung haben die Unternehmen in beiden Volkswirtschaften lange behindert. Liberalisierung und Globalisierung haben in beiden Ländern das Wachstum entfesselt, allerdings auch zunehmende Ungleichheit mit sich gebracht. Das autokratische China hatte bei der Industriepolitik gegenüber dem demokratischen Indien Vorteile.

          An dieser Erklärungsskizze kritisiert Bardhan, dass die Vorleistungen der sozialistischen Entwicklungsphase in China übersehen werden: von Schulen und Gesundheitsfürsorge auch auf dem Lande über eine egalitäre Verteilung des Ackerlandes und mehr Rechte für Frauen bis zum Aufbau autonomer Lokal- und Regionalregierungen. Nach Bardhan wurden die Chinesen nach den Reformen gerade deshalb zu erfolgreicheren "Kapitalisten" als die Inder, weil sie vorher die besseren Sozialisten waren.

          Im zweiten Kapitel weist Bardhan vor allem die Vorstellung zurück, dass die Einbeziehung Chinas in die Weltwirtschaft die Hauptursache für sein schnelles Wachstum und die Verringerung der Massenarmut gewesen ist. Stattdessen hält er das Haushaltsverantwortungssystem in der Landwirtschaft der späten siebziger und achtziger Jahre mit der Anreizverbesserung für die Bauern, aber ohne Privatisierung des Ackerlandes und die ländliche Industrialisierung in Zusammenarbeit mit (oder unter der Leitung von) Lokalregierungen für entscheidend. In Indien beklagt Bardhan die fehlende ländliche Industrialisierung, das weitgehende Fehlen von Unternehmen mittlerer Größe, das Fehlen eines einheitlichen Marktes und die mangelnde Autonomie regionaler und lokaler Regierungen.

          Das dritte bis zehnte Kapitel befassen sich mit Spezialfragen wie Landwirtschaft, Infrastruktur, Finanzwesen, Unternehmen, Ungleichheit, Sozialleistungen, Umwelt und dem politischen System. Hier können nur wenige Einzelheiten genannt werden: Wie fast alle anderen Beobachter sieht Bardhan mehr Einkommensungleichheit in China als in Indien. Aber er betont, dass die Chancengleichheit in China viel besser als in Indien ist, weil das Ackerland gleichmäßiger verteilt ist, weil die Dörfer besser mit Schulen versorgt sind, weil früher auch die ländliche Gesundheitsfürsorge in China besser als in Indien war, weil es in Indien Kastenschranken gibt. In Indien beansprucht der Staat zwar, den Armen zu helfen, aber seine Subventionen kommen oft den Bessergestellten zugute und binden die Mittel, die zur Verbesserung der Infrastruktur benötigt werden.

          Das Buch ist gut lesbar. Theoretische Eindeutigkeit scheint Bardhan allerdings für unerreichbar zu halten - im Falle Indiens mehr noch als im Falle Chinas.

          ERICH WEEDE

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