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: Chicago regiert die Welt

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Die kanadische Journalistin Naomi Klein, Jahrgang 1970, gilt als globaler Star der Globalisierungskritiker. Ihr 2000 erschienenes Buch "No Logo" wurde in 28 Sprachen übersetzt und erreichte eine Million Auflage. Klein klagte über perfide Werbemachenschaften globaler Konzerne, die Konsumenten von ihren Markenprodukten abhängig machten.

          Die kanadische Journalistin Naomi Klein, Jahrgang 1970, gilt als globaler Star der Globalisierungskritiker. Ihr 2000 erschienenes Buch "No Logo" wurde in 28 Sprachen übersetzt und erreichte eine Million Auflage. Klein klagte über perfide Werbemachenschaften globaler Konzerne, die Konsumenten von ihren Markenprodukten abhängig machten. Ihr neues Buch "Die Schock-Strategie" hat argumentativ aufgerüstet: Diesmal möchte sie die Marktwirtschaft als strukturelle Gewalt entlarven. Herausgekommen ist eine rasende Polemik, die Fakten extrem einseitig präsentiert und historische Zusammenhänge verdreht.

          Wirbelstürme, Tsunamis, Terroranschläge und Militärputsche werden von marktliberalen Ökonomen der Chicago-Schule genutzt, um eine traumatisierte Bevölkerung mittels "Schocktherapien" unter das Joch kapitalistischer Ausbeutung zu zwingen - so lautet die These der Naomi Klein. Nach dem Hurrikan "Katrina" wurde in New Orleans nicht wieder das alte System der Staatsschulen aufgebaut, sondern auf private Schulen gesetzt, die im Wettbewerb stehen. Eltern erhalten kostenlose Bildungsgutscheine und können frei wählen, welche Schule ihre Sprösslinge besuchen. Für Klein ist dies kein Schritt zu mehr Qualität im Bildungswesen, sondern dient einzig den Profitinteressen der Privatschulen. Die Idee der Gutscheine geht auf den Chicagoer Ökonomen Milton Friedman zurück, den Oberbösewicht.

          Auch einige wohlwollende Rezensenten haben bemerkt, dass Kleins Buch im Kern eine Verschwörungstheorie präsentiert, quasi "Protokolle der Weisen von Chicago". Neoliberale Ökonomen nutzten und inszenierten Katastrophen, um die Macht zu übernehmen und einen "Krieg gegen die Armen" zu entfesseln. Naomi Klein nutzt ihrerseits eine Schockstrategie, um die Leser zu erschüttern. Im ersten Teil schildert sie die grausamen Experimente eines kanadischen Psychiaters in den fünfziger Jahren. Er pumpte unwissende Patienten mit Drogen voll, traktierte sie mit Elektroschocks. Die zerstörten Persönlichkeiten sollten neu konditioniert werden. Das zweite Kapitel handelt vom "anderen Dr. Schock": Milton Friedman, der "ökonomische Folter" propagiert habe.

          Von Südamerika über Osteuropa bis China und den Nahen Osten - überall haben neoliberale Schockstrategen ihre Finger im Spiel. Friedman wird selbst für das Massaker der chinesischen KP auf dem Platz des himmlischen Friedens verantwortlich gemacht. Seit dreißig Jahren bekannt sind die Vorwürfe, dass eine Gruppe von "Chicago Boys" die marktwirtschaftliche Umgestaltung Chiles nach Pinochets Putsch 1973 vorantrieb. Klein klagt zu Recht die Menschenrechtsverletzungen der Junta an, jedoch unterschlägt sie den Anteil, den Allendes verfehlte Politik am Abgleiten ins Chaos hatte. Ihr aktueller Held heißt Hugo Chávez; im Nahen Osten leiste die Hizbullah wacker Widerstand gegen den kapitalistischen Krieg Israels.

          Was Klein als "Schockstrategie" der Neoliberalen bezeichnet, ist eine uralte politische Taktik. Schon Machiavelli riet Herrschern, notwendige "Grausamkeiten" alle auf einmal zu begehen, um Widerstände durch Überrumpelung zu überwinden. Nur in einer Fußnote erwähnt Klein das deutsche Experiment einer Schocktherapie. Denn Ludwig Erhards Wirtschafts- und Währungsreform von 1948 war ebenso ein radikaler Bruch mit der von Preiskontrollen und wertlosem Geld gelähmten Wirtschaft. Seine damaligen Kritiker klangen ähnlich wie Klein, warnten vor einem Todesstoß für die geschwächte Bevölkerung.

          Der Schock wirkte belebend. Statt Verelendung brachte er einen allgemeinen Aufschwung. Auch heute gilt: Handelsliberalisierung setzt die Wirtschaft ständigem Wettbewerbsdruck aus, der zu Produktivitätssteigerungen führt. Zwar bringt die fortschreitende Integration der Weltwirtschaft teils schwere Verwerfungen und eine Zunahme der relativen Unterschiede mit sich, aber die Zahl der absolut Armen geht nach allen Statistiken erfreulicherweise dramatisch zurück. Auch in den Entwicklungsländern wächst der Wohlstand, sofern die Welt nicht einen protektionistischen Rückfall erleidet. Naomi Klein und ihre Freunde arbeiten daran.

          PHILIP PLICKERT.

          Naomi Klein: Die Schock-Strategie. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2007, 763 Seiten, 22,90 Euro

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