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: Bodenschätze als Fluch

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So wie die Grundrente einst dem Großgrundbesitzer in Agrargesellschaften ein müheloses Leben ermöglicht hatte, so können heute die politischen Machthaber in ressourcenreichen, aber dünn besiedelten Ländern gut vom Verkauf ihrer Bodenschätze leben, beispielsweise von Öl. Wo die Erträge aus diesem ...

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          So wie die Grundrente einst dem Großgrundbesitzer in Agrargesellschaften ein müheloses Leben ermöglicht hatte, so können heute die politischen Machthaber in ressourcenreichen, aber dünn besiedelten Ländern gut vom Verkauf ihrer Bodenschätze leben, beispielsweise von Öl. Wo die Erträge aus diesem Verkauf groß genug sind, da spielen somit weder Unternehmer noch Arbeitnehmer, noch inländische Konsumenten die entscheidende Rolle für die Finanzierung des Staates und der ihn beherrschenden Klassen oder Cliquen. Der Staat kann Einkommen und Privilegien an die Machthaber und deren Klienten verteilen, statt einen Ordnungsrahmen für eine wachsende Wirtschaft bereitzustellen und die Bürger zu besteuern, um öffentliche Güter zu finanzieren. Aus Sicht der Machthaber sind die eigenen Bürger und deren Produktivität belanglos. Es kommt allein auf die ausländischen Abnehmer der Rohstoffe und die oft ausländischen Unternehmen an, auf die bei Exploration, Hebung, Verarbeitung und Vermarktung der Bodenschätze nicht immer verzichtet werden kann. Auf Preisrückgänge sind solche Volkswirtschaften meist nicht hinreichend vorbereitet, obwohl Rohstoffpreise stark schwanken können.

          Politische Korrelate solcher Ökonomien sind die Autokratie, die Vernachlässigung der Menschenrechte oder gar Folter sowie eine besonders große Anfälligkeit für Rebellion und Bürgerkrieg. Ob es nun an der Neigung zur Repression liegt oder an der Fähigkeit, potentielle Rebellen mit Geld und Privilegien ruhigzustellen - mit natürlichen Ressourcen gut ausgestattete Autokratien sind oft stabil.

          Weil von natürlichen Ressourcen abhängige Volkswirtschaften langfristig sowohl langsamer wachsen als auch sich politisch unerfreulicher entwickeln, spricht man von einem "Fluch" guter Ressourcenausstattung. Zu diesem Thema hatte die Friedrich-Ebert-Stiftung im Herbst 2005 zwei Konferenzen organisiert, deren wissenschaftlicher Ertrag jetzt in einem Sammelband vorgestellt wird. Der theoretische Gehalt der Aufsätze nimmt freilich - von Ausnahmen abgesehen - von vorn nach hinten ab. Dies ergibt sich vorwiegend daraus, dass die Diagnose politisch-ökonomischer Defizite immer noch leichter fällt als die Therapie.

          Paul Collier und Anke Hoeffler sagen in ihrem Beitrag klar - und Indra De Soysa stimmt ihnen implizit zu -, dass sich die politischen Defizite am ehesten durch Wirtschaftswachstum überwinden lassen. Leider findet man in dem Band jedoch keine systematische oder ökonometrische Abhandlung darüber, wie sich ressourcenreiche Länder auf einen Wachstumspfad bringen lassen - sondern nur eine von Transparency International gelieferte Fallstudie zu Botswana. Die dort angegebene Arbeitslosenquote von 40 Prozent und die Armutsquote von 45 Prozent relativieren aber diesen Erfolg recht stark.

          Die häufiger politik- als wirtschaftswissenschaftlichen Fallstudien in diesem Band entziehen sich der Verallgemeinerung. Deshalb muss der Herausgeber Michael Dauderstädt in seinem Kapitel resigniert feststellen, dass es keinen Königsweg aus den Entwicklungssackgassen ressourcenreicher, aber meist schlecht (wenn auch oft lange von demselben Autokraten) regierter Volkswirtschaften gibt. Vielleicht steckt hinter dem politikwissenschaftlichen Charakter der Fallstudien darüber hinaus aber auch die richtige Einsicht, dass es sich bei den bedauerlichen Entwicklungen in ressourcenreichen Ländern um Staatsversagen und nicht etwa um Marktversagen handelt. Das wäre eine für Sozialdemokraten bemerkenswerte Einsicht.

          ERICH WEEDE.

          Michael Dauderstädt/Arne Schildberg (Herausgeber): Dead Ends of Transition. Rentier Economies and Protectorates. Campus-Verlag, Frankfurt 2006, 249 Seiten, 24,90 Euro.

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