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Biografie : Erfolg und Schicksalsschläge

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Bild: Campus Verlag

Mit leisen Schritten sind die Quandts zur mächtigsten Wirtschaftsdynastie Deutschlands aufgestiegen. Eine erste Biografie beschreibt ihren Weg.

          Am Anfang war der Staat. Der Aufstieg der Quandts, der reichsten Unternehmerdynastie in Deutschland, begann inmitten der großen Depression nach dem "Gründerkrach" 1873. Durch eine glückliche Heirat trat damals der Textilunternehmer Emil Quandt auf die Bühne des Wirtschaftslebens. Persönlicher Ehrgeiz verband sich mit einem hohen technischen Stand der Fabrik in der Mark Brandenburg. Das allerdings genügte nicht: "Noch wichtiger für das wirtschaftliche Überleben war, daß die Firma ihre Stoffe fast ausschließlich für einen finanzstarken Großabnehmer produzierte: den Staat." Das schreibt Rüdiger Jungbluth in der ersten Biographie über die Quandts und ihren Aufstieg, der sich auch in der vierten Generation (in einem Familienzweig) fortsetzt. Emil Quandts Tuchfabrik stattete die vom Kaiser gehätschelte Marine mit Uniformstoffen aus.

          Die Quandts waren in den ersten Generationen vor allem eines: tatkräftige, zum Teil skrupellose Unternehmer. Was zählte, war die Familiendynastie. Es verwundert nicht, daß sich Emil Quandts Sohn Günther im Interesse seiner Rüstungsunternehmen während des Dritten Reiches wie viele andere mit den Machthabern arrangierte. Nach dem Krieg blieb die Familie zur Politik auf Distanz. Aber auch Herbert Quandt in der dritten Generation pflegte enge Verbindungen zum Beispiel zu Franz Josef Strauß. Erst die vierte Generation scheint trotz CDU-Nähe nicht mehr so sehr auf die Politik zur Förderung ihrer Interessen zu setzen. All dies beschreibt der Autor mit vielen Details - und sichtbarer Distanz gegenüber dem ihm unheimlichen Reichtum.

          Aber die Geschichte der Unternehmensdynastie verlief nicht nur in den Bahnen eines industriellen Aufstiegs, den zwei Weltkriege, Inflation und Weltwirtschaftskrise ebensowenig bremsten wie die Währungsreform 1948. Die Parallelgeschichte der Familie bestand aus schwierigen, zuweilen tragischen persönlichen Konstellationen: Hierzu gehören Günther Quandts Söhne Herbert und Harald, der eine mit einer Sehbehinderung bis fast zur Erblindung geschlagen, der andere aufgewachsen als Stiefsohn im Haus des NS-Schergen Joseph Goebbels; die Halbbrüder nach 1945 geschäftlich vereint, aber beim Kampf um BMW im Zwist; 1967 der Unfalltod des lebenshungrigen Tausendsassas Harald Quandt und Jahre später das bittere Ende seiner Witwe. Ausführliche Erwähnung finden auch die schwierigen Erbteilungen auf die elf Kinder der beiden Aufsteiger im Nachkriegsdeutschland. Jungbluth weiß, daß dies der Stoff ist, der Verkaufserfolge verspricht; er breitet ihn in entsprechender Länge aus.

          Die kunstvolle Handhabung der Realteilung industriellen Besitzes, der erstmals bei den Quandts in großem Stil und mit Erfolg erprobt wurde, hat die frühe Auszehrung einer sich verzweigenden Familie verhindert. Aber nach dem Rückzug eines Familienstammes aus dem Batteriekonzern Varta verbleiben als einzige Träger des Erbes Susanne Klatten und Stefan Quandt, Kinder aus der dritten Ehe von Herbert Quandt. Zusammen mit ihrer Mutter Johanna besitzen sie nahezu die Hälfte an BMW. Susanne Klatten hält zudem gut 50 Prozent am Pharma- und Chemieunternehmen Altana. Stefan Quandt ist Alleinaktionär der Delton, die sich auf Logistik spezialisiert. Das gemeinsame Vermögen wird auf deutlich mehr als 15 Milliarden Euro geschätzt.

          Johanna Quandt und der frühere Testamentsvollstrecker Hans Graf von der Goltz haben ein Gespräch mit dem Autor verweigert; Susanne Klatten, Stefan Quandt und einige andere standen dagegen Rede und Antwort. Dies ist nicht wenig angesichts der Verschwiegenheit der Familie. Am Ende des Buches verliert die Darstellung viel von ihrer Farbigkeit. Die Quandts sind recht normal geworden, wenngleich nicht minder zielstrebig als ihre Vorgänger. Jungbluth schreibt im besonders lesenswerten Schlußkapitel: "Die Quandts haben ihr unternehmerisches Eigentum immer als Auftrag zur Erhaltung begriffen." Angepaßt an die Zeitläufte, hat das Denken über Generationen statt kurzfristiger Profitmaximierung weiter Bestand.

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