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: Armes Drittes Reich

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Dieses Buch besitzt das Potential, zu einem Referenzwerk über die Wirtschaftsgeschichte des Dritten Reiches zu werden. Zumindest wird es für Diskussionen sorgen, denn der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze erhebt den Anspruch, gegenüber älteren Zusammenfassungen des Themas erstmals die neuere Spezialliteratur angemessen in eine Gesamtdarstellung eingebaut zu haben.

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          Dieses Buch besitzt das Potential, zu einem Referenzwerk über die Wirtschaftsgeschichte des Dritten Reiches zu werden. Zumindest wird es für Diskussionen sorgen, denn der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze erhebt den Anspruch, gegenüber älteren Zusammenfassungen des Themas erstmals die neuere Spezialliteratur angemessen in eine Gesamtdarstellung eingebaut zu haben. Ob er, wie behauptet, dadurch zu wesentlich anderen Schlüssen gekommen ist als frühere Historiker, sei einmal dahingestellt. Gelegentlich wirkt sein Beharren auf der Originalität seiner Resultate ein wenig bemüht. Insgesamt aber, das sei vorweggenommen, hat der Brite ein interessantes, fundiertes und flott geschriebenes Werk vorgelegt.

          Die Grundthese ist einfach: Hitlers Ansinnen, durch Gewinnung von Gebieten im Osten ("Lebensraum") die materiellen Voraussetzungen für ein weitgehend autarkes Deutschland zu schaffen, das stark genug wäre, sich langfristig gegenüber land- und rohstoffreichen Großmächten wie den Vereinigten Staaten und dem Britischen Empire zu behaupten, war aus ökonomischer Sicht von vornherein zum Scheitern verurteilt.

          Denn das Reich war niemals wirtschaftlich so stark wie gelegentlich behauptet. Mitte der dreißiger Jahre entsprach das deutsche Pro-Kopf-Einkommen nur der Hälfte des amerikanischen Vergleichswertes; und auch Großbritannien lag weit voraus. Dem widerspricht nicht, dass Deutschland mächtige Konzerne wie die IG Farben und die Vereinigten Stahlwerke beherbergte und in den Fabriken eine große Zahl technologisch anspruchsvoller Produkte entstand. Was das Reich wirtschaftlich herunterzog, war die in Teilen erschreckend rückständige Landwirtschaft, in der immerhin rund neun Millionen Menschen lebten.

          Tooze hält auch die weit verbreitete Behauptung, die Nationalsozialisten hätten den Konjunkturaufschwung nach 1933 verursacht, ebenso für eine Legende wie die Mär, mit aktiver Arbeitsmarktpolitik seien damals die Arbeitslosen von der Straße geholt worden. Anzeichen für eine Belebung der Konjunktur hatte es schon vor dem Januar 1933 gegeben, und der nachfolgende Aufschwung war keineswegs überdurchschnittlich kräftig. Die für Arbeitsmarktpolitik ausgegebenen Gelder blieben gering, statt dessen begann das Regime früh, die Voraussetzungen für eine gewaltige Aufrüstung zu schaffen, deren Endziel nur ein Krieg sein konnte.

          Nicht zuletzt für militärische Zwecke waren auch die Autobahnen gedacht. Tooze schreibt: "Im Mythos um die NS-Arbeitsbeschaffung nahm die Autobahn von jeher eine Sonderstellung ein. Ironischerweise war der Autobahnbau jedoch nie primär als eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme betrachtet worden, ebenso wenig wie er je entscheidend zur Entlastung der Arbeitslosigkeit beitrug." Aber auch für die massive Aufrüstung besaß das Reich nicht die notwendigen Reserven. Weil so viel Geld für das Militär gebunden wurde, fehlte es für zivile Zwecke, und folglich nahm der Lebensstandard in jenen Jahren kaum zu - im Reich gab es nur wenige Radios oder Autos. Notwendige Investitionen unterblieben: Die Reichsbahn war schließlich so marode, dass im Winter 1939 die Berliner frieren mussten, weil die Bahn die Kohle nicht rechtzeitig von den Gruben in die Städte transportieren konnte.

          Die erheblichsten Einschränkungen gebot die chronisch angespannte Finanzlage gegenüber dem Ausland. Da die Reichsbank nur wenige Devisenreserven besaß und Kreditaufnahmen im Ausland nicht zum Autarkiegedanken passten, mussten die Einfuhren allein durch Ausfuhren finanziert werden. Das aber stellte sich als schwierig heraus, weil die Reichsmark gegenüber wichtigen anderen Währungen überbewertet war, Hitler aus Angst vor Inflation aber keine Abwertung wünschte.

          In der Folge war das Reich nicht einmal in der Lage, die für die Aufrüstung notwendigen Rohstoffe zu importieren. In der ersten Jahreshälfte 1939 - also zu einem Zeitpunkt, wo der Wille zu einem baldigen Krieg in der Staatsführung längst vorhanden war - musste die Rüstungsproduktion erheblich gedrosselt werden, weil es an Stahl mangelte. Und als der Polen-Feldzug begann, reichten die Munitionsvorräte nur für einen kurzen Krieg.

          Hitler und die Seinen wussten das alles, waren aber aus ideologischen Gründen und aus Rassenhass bereit, für das Projekt "Lebensraum" va banque zu spielen. Zumal ihnen klar war, dass Länder wie Amerika, Großbritannien und Frankreich nach einer Umstellung ihrer Wirtschaft auf Kriegsproduktion weitaus mehr Waffen herstellen würden als das Deutsche Reich und seine Verbündeten.

          Wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erklärte Hitler den Oberbefehlshabern der Wehrmacht: "Wir haben nichts zu verlieren, wohl zu gewinnen. Unsere wirtschaftliche Lage ist infolge unserer Einschränkungen so, dass wir nur noch wenige Jahre durchhalten können." Das Dritte Reich zog in einen Krieg, den es von Anfang an niemals gewinnen konnte, weil ihm trotz der späteren Ausplünderung besetzter Gebiete die für einen Sieg notwendigen materiellen Ressourcen fehlten. Aus ökonomischer Sicht ist eher erstaunlich, dass der Krieg so lange gedauert hat.

          GERALD BRAUNBERGER

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