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: Alterung im Reich der Mitte

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Noch sind nur sieben von 100 Chinesen älter als 65 Jahre. Weil die Geburtenzahlen infolge der Einkindpolitik der Regierung seit 1980 sinken - bisher auf durchschnittlich ungefähr 1,5 Kinder je Frau - und weil gleichzeitig die Lebenserwartung der Chinesen noch steigt, wird es jedoch bald mehr alte und weniger junge Chinesen geben.

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          Noch sind nur sieben von 100 Chinesen älter als 65 Jahre. Weil die Geburtenzahlen infolge der Einkindpolitik der Regierung seit 1980 sinken - bisher auf durchschnittlich ungefähr 1,5 Kinder je Frau - und weil gleichzeitig die Lebenserwartung der Chinesen noch steigt, wird es jedoch bald mehr alte und weniger junge Chinesen geben. Während der Westen erst reich geworden ist und jetzt ergraut, wird China grau sein, bevor es wirklich reich geworden sein kann. Schon in 20 Jahren wird sich der Anteil der Bürger über 65 Jahre in China verdoppelt, in 40 Jahren mehr als verdreifacht, vielleicht sogar vervierfacht haben. Die damit verbundenen Probleme bespricht der amerikanische Alterungsforscher und Wirtschaftsjournalist Robert Stowe England in diesem Buch.

          Obwohl die Einkindpolitik vor allem auf dem Lande nie konsequent und ausnahmslos durchgehalten worden ist, war sie wirksam genug, um das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern nachhaltig zu stören. Chinesische Familien wünschen sich vor allem Söhne, auch weil nur Söhne traditionell zum Unterhalt der Eltern verpflichtet sind. Wenn das erste Kind eine Tochter ist, dann dürfen die Eltern auf dem Land noch einmal versuchen, einen Sohn zu bekommen. Ultraschalldiagnostik und selektive Abtreibungen sorgen dafür, daß zweite oder gar dritte Geburten meist Söhne werden. Schon in 15 Jahren werden mehr als 30 Millionen junge Chinesen keine einheimische Frau finden können.

          Viele junge Chinesen in den Städten sind Einzelkinder. Wenn zwei Einzelkinder heiraten, dann stellt sich die Frage, ob die junge Familie irgendwann einmal für vier alte Menschen sorgen kann und ob der Tradition entsprechend die junge Frau eher die Eltern ihres Mannes als ihre eigenen pflegen soll. Die Probleme werden noch dadurch verschärft, daß es für die Mehrheit der Chinesen, die immer noch auf dem Lande lebt, praktisch keine soziale Sicherheit jenseits der eigenen Familie und der Kinder gibt. Zudem geht der Verstädterungsprozeß mit der Auflösung der erweiterten Familie und der Durchsetzung der Kernfamilie einher, was die Versorgung der Alten im Haushalt erschwert.

          Vor den Reformen der vergangenen zwei Jahrzehnte waren die Arbeiter der Staatsbetriebe recht gut versorgt. Neben Sachleistungen wie Wohnungen und Gesundheitsfürsorge zu günstigen Preisen standen ihnen Renten in Höhe von 80 Prozent des Lohnes zu. Aber die Staatsbetriebe schrumpfen und beschäftigen einen abnehmenden Teil der städtischen Bevölkerung. Deshalb hat China seit Ende der neunziger Jahre mit dem Aufbau einer betriebsübergreifenden Sozialversicherung für die arbeitende Stadtbevölkerung begonnen, die 20 Prozent des Lohns als Grundrente im Umlageverfahren sichern und darüber hinaus knapp 40 Prozent des Lohns zusätzlich durch eine kapitalgedeckte Rente ersetzen soll. Bei der Durchsetzung dieses Programms treten viele Probleme auf. Unternehmer und Arbeitnehmer mißtrauen dem System und vermeiden Beitragszahlungen. Kapital wird fast nirgendwo tatsächlich angespart, denn die Einnahmen reichen kaum, um die versprochenen Renten zu zahlen. Es gibt zwar eine Vielzahl von Vorschlägen und Modellrechnungen, die auch in Englands Buch vorgestellt werden, aber vorerst noch bleibt selbst die Altersversorgung der privilegierten städtischen Arbeiter recht ungewiß.

          Der Autor beschäftigt sich in seinem Buch nicht nur mit dem Ergrauen Chinas und den sich daraus ergebenden Schwierigkeiten. Man erfährt auch, daß es in China noch lange keinen Mangel an Arbeitskräften geben wird. Die Freisetzung unterbeschäftigter Bauern und deren Abwanderung in die Stadt wird noch Jahrzehnte dafür sorgen, daß die Industrie Arbeiter findet. Man erfährt auch, daß die Privatwirtschaft schon 2002 für mehr als zwei Drittel der Industrieproduktion, die Staatsbetriebe aber nur noch für ein Sechstel davon verantwortlich waren. In Anbetracht der größeren Produktivität der Privatbetriebe erhöht das die Leistungsfähigkeit der chinesischen Volkswirtschaft.

          Weil die Familien die Absicherung der Alten immer weniger leisten können und wollen, stellt sich die Frage nach der Belastbarkeit des chinesischen Staates. Noch betragen Chinas explizite Staatsschulden nur rund ein Sechstel seines Bruttoinlandsprodukts. Aber die Übernahme der faulen Kredite der Staatsbanken an die Staatsbetriebe allein würde die Staatsschulden mehr als verdoppeln. Die Kapitaldeckung für mindestens einen Teil der künftigen Rentenansprüche der Städter, die Chinas Führung anstrebt, setzt die Weiterentwicklung der Kapitalmärkte und angemessene Kapitalerträge voraus. Da muß offensichtlich noch sehr viel getan werden.

          Das Buch hinterläßt eine gewisse Ratlosigkeit. Die Probleme sind riesig. In 30 Jahren zeichnet sich eine Größenordnung von 300 Millionen Chinesen ab, die älter als 65 Jahre und versorgungsbedürftig sind. Noch arbeiten chinesische Männer in der Industrie nur bis zum Alter von 60 Jahren, Frauen hören noch früher auf. Für die Landbevölkerung leistet der Staat sehr wenig. Für die städtische Arbeiterschaft gibt es zwar Reformbemühungen, aber landesweit funktioniert auch da fast noch nichts. Es ist natürlich nicht dem Autor des Buches - aber noch nicht einmal der chinesischen Führung - anzulasten, daß die sich abzeichnenden Probleme so gewaltig und die Bewältigungsversuche deshalb bisher so unbefriedigend sind.

          ERICH WEEDE.

          Robert Stowe England: Aging China. The Demographic Challenge to China's Economic Prospects. Praeger (for the Center for Strategic and International Studies), Westport, Connecticut 2006, 137 Seiten, 29,95 Dollar.

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