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: Als die erste "Heuschrecke" die Frankfurter Börse überfiel

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Der Bremer Holzkaufmann Hermann Krages war in der Nachkriegszeit ein intensiver Zeitungsleser. Als er eines Tages im Kurszettel den Tageskurs der Aktien der früheren Vereinigten Stahlwerke ansah, wurde ihm blitzartig klar, dass man den zur Entflechtung verurteilten Stahlverein mit einem lächerlichen Betrag kaufen konnte. ZÜRICH, 20.

          Der Bremer Holzkaufmann Hermann Krages war in der Nachkriegszeit ein intensiver Zeitungsleser. Als er eines Tages im Kurszettel den Tageskurs der Aktien der früheren Vereinigten Stahlwerke ansah, wurde ihm blitzartig klar, dass man den zur Entflechtung verurteilten Stahlverein mit einem lächerlichen Betrag kaufen konnte. ZÜRICH, 20. April. Vor einem halben Jahrhundert, in den "wilden Nachkriegsjahren", hat ein Mann mit seinem eigenen Geld deutsche Börsengeschichte geschrieben, die es wert ist, nicht in Vergessenheit zu geraten. Er war, wie man heute sagen würde, die erste "Heuschrecke", welche die Frankfurter Börse in den fünfziger und sechziger Jahren überfiel und dabei die Schwächen der damaligen Bankenkartelle allseits sichtbar machte. Er bereitete mit seinem "Aufmucken" den Boden für eine weitergehende Mitbestimmung der Kleinaktionäre auf Hauptversammlungen vor. Damit schuf er - unbewusst - auch die Voraussetzungen für die spätere Emission der Volksaktien in Deutschland. Die Erinnerungen an die "wilden Jahre" der Nachkriegsbörse sind jetzt in einem Buch: "Hermann Krages - ein Börsianer gegen die Deutschland AG" zusammengefasst von einem Schweizer Verlag herausgegeben worden.

          Dem Zusammenbruch Deutschlands 1945, dem Flüchtlingselend und den Hungerwintern, der Teilung Deutschlands und schließlich der harten Währungsreform von 1948 folgte das große "Wirtschaftswunder", das ewig mit dem Namen Ludwig Erhard verbunden bleiben wird. In dem Potsdamer Abkommen der Alliierten - Stalin war dabei - wurde beschlossen, die Macht der deutschen Konzerne zu brechen und diese zu zerstückeln, was sie "Entflechtung" nannten. Das Gleiche galt für die drei Großbanken, die in neun Regionalbanken weiterleben sollten. Die Siegermächte staunten, dass trotz des Bombenregens der Kern der deutschen Schwerindustrie intakt geblieben war und ebenso die Produktionsstätten des IG-Farben-Konzerns. Auch die Büros der Großbanken waren intakt geblieben. Die Produktion in Westdeutschland hatte bereits 1948 beinahe wieder den Stand von 1936 erreicht. In der amerikanischen Zone wurde auch frühzeitig die Frankfurter Börse - noch vor der Währungsreform von 1948 - wiedereröffnet.

          Das Verhalten der Alliierten war alsbald voller Widersprüche. Wenn es nach dem Plan des damaligen amerikanischen Schatzministers Henry Morgenthau gegangen wäre, hätte Deutschland eher in einen Kartoffelacker verwandelt werden sollen. Aber zum Glück für Westdeutschland kam es bald zum "kalten Krieg" mit den Russen. In Amerika brauchte man die Deutschen wieder. Das war ein Glück für die Westzonen. Eine Zeitlang lief hier alles doppelgleisig. Einerseits wurde die Entflechtung der Industriekonzerne und der Großbanken fortgesetzt. Andererseits gab's den Marshallplan zum Wiederaufbau Europas, von dem auch Westdeutschland profitieren konnte. Mit der Gründung der Bundesrepublik wurde die Zerstückelung der Konzerne und der Großbanken gestoppt. Zu allererst wurden wieder die drei Großbanken zusammengeführt, und damit wurde auch das alte Banken- und Börsenkartell wiederhergestellt. Die Börse bildete, wie gewohnt, auch wieder eine geschlossene Gesellschaft, was sich alsbald als großer Nachteil erwies.

          Einer, der das alles frühzeitig sah, war der Bremer Holzkaufmann Hermann Krages. Er hatte einen Teil seiner Holzverarbeitungsbetriebe in Westdeutschland gerettet und konnte gleich nach dem Kriege mit seinen Westbetrieben wieder Geld verdienen. Seine Holzplatten machten sogar Geschichte. Sie retteten Adolf Hitler am 20. Juli 1944 vor dem Tod, als Graf Stauffenberg seine Bombe in der Wolfsschanze zündete. Die Wände von Hitlers Hauptquartier waren mit Krages Spanplatten bestückt. Aufgrund ihrer hohen Konsistenz konnte der Sprengsatz entweichen.

          Hermann Krages suchte Anlagen für sein Geld. Er erzählt: "Ich war in der ersten Nachkriegszeit ein intensiver Zeitungsleser. Ich studierte jeden Tag den Kurszettel der Frankfurter Börse. Auch noch nach der Währungsreform lautete der Nennwert der börsennotierten Aktien zunächst weiter auf Reichsmark. Gehandelt wurde aber in D-Mark 10:1. Als ich mir eines Tages im Kurszettel den Tageskurs der Aktien der früheren Vereinigten Stahlwerke ansah, wurde mir blitzartig klar, dass man den zur Entflechtung verurteilten Stahlverein jetzt mit einem lächerlichen D-Mark-Betrag kaufen konnte."

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