https://www.faz.net/-gqz-uung

: Als die erste "Heuschrecke" die Frankfurter Börse überfiel

  • Aktualisiert am

Genau das tat Krages. Er ließ über Strohmänner Aktien der zu entflechtenden Konzerne kaufen, und auf Hauptversammlungen schickte er Rechtsanwälte in die Arena. Zur Überraschung der Großbanken forderte plötzlich ein ganz Fremder mehr Aktionärsrechte. Die Großbanken waren beunruhigt. Sie vermuteten - und dies nicht zu Unrecht -, dass es Krages nicht nur auf Dividenden ankam, sondern auf Einfluss in den Unternehmen. Sein Ziel war es, Pakete zu bilden und diese dann mit Aufgeld wieder zu verkaufen. Das hatten die Großbanken nicht gern. Wer wagte es plötzlich, mitzubestimmen und Mehrheiten zu bilden? Für das Bankenkartell wurde Krages so etwas wie die "erste Heuschrecke", welche die Frankfurter Börse überfiel.

Die Journalistin Nina Grunenberg von der Wochenzeitung "Die Zeit" hat in einem Buch: "Die Wundertäter - das Netzwerk der deutschen Wirtschaft 1942-1966" beschrieben, welche Bedeutung die Kartelle in der Großindustrie und bei den Banken auch noch in der ersten Nachkriegszeit hatten. Man war gewohnt, vertragliche Abreden zu treffen, zum Zweck der Markteinschränkung und der Gewinnstabilisierung. "Deutschland war damals das höchstkartellisierte Land der Welt mit 2000 Kartellen", schreibt Grunenberg. Das Netz sei so dicht geknüpft worden, dass man alle Kartellgeschäftsführer in Deutschland nur zu Regierungsräten zu machen brauchte, um einen nahtlosen Übergang zur totalen Planwirtschaft zu machen. Kein Wunder, dass die Konzerne und ihre Großbanken die Aufkäufe von Herrn Krages als in höchstem Grade unerwünschte Einmischung empfanden.

Besonderen Ärger bekam der Börsenspekulant mit der Dresdner Bank. Krages setzte sich in den Besitz zweier großer Aktienpakete von Unternehmen, an denen die Dresdner Bank "offensichtlich selbst ein vitales Interesse besaß". Krages glaubte, die Bank würde absichtlich über ihn und seine Käufe sogar falsche Gerüchte ausstreuen.

Eine Zeitlang wurde ein regelrechter Krieg an der Frankfurter Börse zwischen der Dresdner Bank und dem Eindringling Hermann Krages geführt. Im Oktober 1962 begann die Kuba-Krise. Sie führte zu einem weltweiten Kurssturz der Aktien. Davon wurde auch Krages heftig betroffen. Er hatte - als er sich in seinen Erfolgen sonnte - einen großen Fehler gemacht. Er nahm Kredite auf, um immer mehr Aktien kaufen zu können. Natürlich bekam er von seinen "Feinden", den Großbanken, keinen Pfennig. Aber es gelang ihm, 43 kleine und mittlere Kreditinstitute aus ganz Westdeutschland anzupumpen. Als nun die Kuba-Krise kam, hatten die Kreditgeber eine höllische Angst und wollten von Krages ihr Geld wiederhaben. In seiner Not musste der Spekulant schließlich "nach Canossa" gehen. Er nahm den Hut und ging zur Deutschen Bank. Die schickte ihn zur Dresdner Bank, und die meinte kühl, er solle doch zur Bundesbank gehen. Der damalige Präsident Blessing schickte ihn wieder zu den Großbanken zurück. Am Ende musste er zähneknirschend seine Pakete den Großbanken verkaufen, zu Preisen, die diese allein bestimmten.

Nun, brotlos ist er nicht geworden. Mit Sack und Pack siedelte der "Napoleon der Spekulation", wie ihn die englische Zeitung "Guardian" einmal nannte, in die Schweiz, nach Chur, über. Er fasste fortan keine Aktie mehr an.

In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bekannte er 1979 in seinem Refugium: "Ich war immerhin die Lokomotive, die Zehntausende von Sparern mitzog, die damals von mir frühzeitig auf die Aktie aufmerksam gemacht worden waren. Ich habe die Börse mit der Phantasie versorgt, die nun mal ihr Lebenselexier ist und bleiben wird. Wenn nicht mehr spekuliert wird, dann wird die Börse zum Anlagefriedhof. Ich selber habe meinen Frieden mit den Banken gemacht. Ich werde mein Geld, so wie das meine Vorfahren taten, nur noch in die eigenen Betriebe stecken." Der Mensch Krages philosophierte: Es gibt wichtigere Dinge im Leben, als als großer Börsenspekulant angesehen zu werden.

Angela Krages/Dirk Lehr: "Hermann Krages - Ein Börsianer gegen die Deutschland AG". Orell-Füssli-Verlag, Zürich, ISBN 3280060926, 29,80 Euro.

Weitere Themen

Zwischen Horrorfilm und Neorealismus Video-Seite öffnen

Filmkritik „Wo ist Kyra?" : Zwischen Horrorfilm und Neorealismus

"Wo ist Kyra?" von Fotograf Andrew Dosunmu ist ein Hollywood-Film und Arthouse zugleich. Und beides auch wieder nicht. Denn die Zielgruppen beider Genre müssen sich an etwas gewöhnen, das sie sonst ablehnen. Warum der Film sowohl inhaltlich als auch künstlerisch sehenswert ist, verrät F.A.Z.-Redakteur Dietmar Dath.

Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

Topmeldungen

Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

FAZ Plus Artikel: Eurofighter-Absturz : 50 Meter an der Katastrophe vorbei

Ein Pilot stirbt, einer ist schwer verletzt – schlimm genug. Bei der Suche nach Wrackteilen der abgestürzten Eurofighter in Mecklenburg zeigt sich, dass es noch schlimmer hätte kommen können.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.