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: Alles im Leben ist logisch

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Es gilt als unfein, das Instrumentarium der Wirtschaftswissenschaft auf Themen anzuwenden, die mit dem schnöden Gelde wenig zu tun haben. Was hat sich der amerikanische Nobelpreisträger Gary Becker, der seit den fünfziger Jahren die Disziplin unter anderem mit Arbeiten zur Diskriminierung, zum Humankapital und ...

          Es gilt als unfein, das Instrumentarium der Wirtschaftswissenschaft auf Themen anzuwenden, die mit dem schnöden Gelde wenig zu tun haben. Was hat sich der amerikanische Nobelpreisträger Gary Becker, der seit den fünfziger Jahren die Disziplin unter anderem mit Arbeiten zur Diskriminierung, zum Humankapital und zur Familie revolutioniert hat, alles an Vorwürfen anhören müssen: Er sei kalt und herzlos; er betreibe ökonomischen Imperialismus; es sei unanständig, Fragen wie Partnerwahl, eheliche Treue oder gar Mord und Selbstmord als Vorteilskalküle zu fassen. Das von ihm unterstellte Bild vom rationalen, eigeninteressierten Entscheidungsträger, dem "Homo oeconomicus", sei monströs und weltfremd.

          Jenseits der Fachgrenzen ist die Aufregung immer noch nicht verebbt, und an der Rationalitätshypothese arbeiten sich selbst die Wissenschaftler der eigenen Zunft weiter ab. Deswegen gibt es die moderne Verhaltensökonomik: Aus irgendeinem Grund ziehen Ökonomen Befriedigung daraus, nachzuweisen, was doch ohnehin jeder weiß: dass der Mensch so rational nicht ist.

          Der britische Ökonom und Publizist Tim Harford räumt auf mit derlei Verklemmungen. Und damit tut er wohl: Denn natürlich hat auch Gary Becker nie behauptet, der Mensch sei egoistisch, kalt berechnend und fehlerfrei. Die Annahme von Eigeninteresse und Rationalität hat nur einen einzigen Grund: Wenn man verstehen will, wie die Gesellschaft funktioniert, muss man ergründen, wie Anreize das Handeln der Menschen beeinflussen. Und hierfür wiederum ist es sinnvoll, die Menschen als zielorientiert zu begreifen - weil man sonst schlicht den Überblick verliert. Zielorientiertheit ist auch keine schockierende Unterstellung, sondern eine so respektvolle wie durchaus realistische Beschreibung des menschlichen Wesens. Wenn man davon ausgeht, dass Menschen zumeist einen Grund für ihr Tun haben, dann gewinnt man zudem wertvolle Erkenntnisse über den geeigneten Ordnungsrahmen.

          Harfords Buch ist eine spannende und witzige Hommage an die Chicago-Schule und ihre Verzweigungen. Der Autor stellt die Theorien stets in personalisierter Form vor; er erzählt, wie welcher Ökonom wann auf welche Idee gekommen ist und warum - und weshalb die jeweilige Idee gut ist. Gary Becker legt dabei häufig den Grundstock; ergänzt durch seine Schüler und Koautoren, die auch kürzlich auf dem General Meeting der Mont Pèlerin Society in Tokio gemeinsam auftraten, zum Beispiel Kevin Murphy, Edward Lazear und Edward Glaeser.

          Becker macht vor, wie wir ein Vorteilskalkül zwischen Parkgebühr und Strafzettel anstellen; ebenso wie zwischen dem Genuss des Rauchens und dem klügeren Verzicht. Der Nobelpreisträger Thomas Schelling wiederum fasst das Ringen gegen die Sucht als einen Kampf, den man gewinnen kann, wenn man Selbstbindungsregeln oder Verbündete findet. Er selbst hat sich das Rauchen abgewöhnt, indem er sich erst nach dem Abendessen eine Zigarette zugestand. Zwar rutschte das Dinner so immer weiter in den Nachmittag hinein - aber immerhin. Von Schelling findet sich bei Harford auch das Schachbrett-Modell, das erklärt, wie schwach ausgeprägte individuelle Präferenzen schwere soziale Verwerfungen nach sich ziehen können: Es reicht, dass aus einer perfekt gemischt schwarz-weißen Siedlung nur ein paar Haushalte ausziehen und sich mit ethnisch Gleichartigen ballen, um das gesamte Siedlungsmuster Zug um Zug in ein Getto umkippen zu lassen. Robert Lucas und Edward Glaeser sind Kronzeugen dafür, dass es sich lohnt, in Städten zu leben: Städte bieten mehr Anregung, beschleunigen durch Kommunikation den Wissensaufbau, generieren Innovation - und gute Ökobilanzen.

          Edward Lazear, der Vorsitzende des Beraterstabs des amerikanischen Präsidenten, wird mit der "Tournament Theory" zitiert, die erklärt, warum Chefs stets überbezahlt sind: Insofern nämlich, als ihr Gehalt niemals der eigenen Leistung entspricht, sondern nur als jene Decke dient, nach der sich die hierarchisch Nachrangigen strecken sollen. Je mehr sich ein Unternehmen bemüht, solche Anreize zu setzen, desto mehr schraubt sich die Gehaltsskala am äußeren Rand in die Höhe. Ist dann eine Beteiligung der Chefs am Unternehmenserfolg die bessere Variante? An sich ja, sagt Harford - wenn diese Modelle so ausgestaltet sind, dass einer Beteiligung am Erfolg auch eine Beteiligung am Misserfolg gegenübersteht. Hieran hapere es oft, schreibt er und zitiert dazu Kevin Murphy mit seinen Arbeiten über "Stock Options", die nicht zuletzt Enron zu Fall gebracht hatten. Generell gelte es sich zu hüten vor Vereinbarungen, die darauf hinausliefen, gemeinsam die Zeche zu zahlen: "Wie auch im Restaurant wird dabei regelmäßig mehr bestellt als eigentlich erwünscht. Denn das Problem ist, dass sich für die Geschädigten der Protest kaum lohnt."

          Auch die Politik folgt solchen Mustern - selbst wenn das Ergebnis absurd aussieht, wie Harford zeigt: "So gewinnt man Wahlen: Man nehme einer großen Gruppe von Wählern 1,9 Milliarden Dollar weg, gebe davon einer viel kleineren Gruppe etwas mehr als 1 Milliarde Dollar und werfe den Rest weg. Würden Sie für ein solches Programm stimmen?" Würden wir. Nicht, weil wir dämlich sind. Sondern weil solchen Angeboten fein ausgeklügelte Kalküle vorausgehen, in denen der große Vorteil für eine kleine Gruppe gegen den geringen Nachteil für eine große Gruppe in der Summe ausbalanciert wird, dass es in der Summe keinen Protest gibt. "Die merkwürdige Logik rationaler Politik ist die Ausbeutung der vielen durch die wenigen." Alles nicht schön, aber rational. Es hilft nicht weiter, die Augen davor zu verschließen.

          KAREN HORN

          Die Verfasserin leitet das Berliner Büro des Instituts der deutschen Wirtschaft.

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